Letztes Update am Mi, 15.05.2019 00:37

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Erstmals Amateuraufnahmen aus Warschauer Ghetto von 1941 gezeigt



Warschau (APA/AFP) - In Polen sind erstmals Aufnahmen eines polnischen Amateurfilmers aus dem Warschauer Ghetto während des Zweiten Weltkriegs gezeigt worden. Die etwa zehn Minuten langen Aufnahmen, die Alfons Ziolkowski im Jahr 1941 teilweise versteckt in dem Ghetto angefertigt hatte, wurde beim 16. Dokumentarfilm-Festival in der polnischen Hauptstadt als Teil der historischen Dokumentation „Warschau - eine geteilte Stadt“ veröffentlicht.

Der polnisch-kanadische Regisseur des Dokumentarfilms, Eric Bednarski, war nach eigenen Angaben über Nachfahren Ziolkowskis an die Aufnahmen gelangt. Bisher waren nur Bilder der NS-Propaganda über das Ghetto bekannt.

„Man sieht das Alltagsleben im Herzen des Ghettos, Menschenmengen auf den Straßen, zerstörte Gebäude“, sagte Bednarski. „Man sieht Kinder, die Lebensmittel vom damals sogenannten arischen in den jüdischen Teil schmuggeln, verzweifelte Kinder, die vor Hunger sterben und versuchen, Essen durch ein Loch in einer Mauer zu drücken.“

Amateurfilmer Ziolkowski hatte eine Genehmigung ergattert und konnte mit dieser das Ghetto betreten. Die Aufnahmen fertigte er unter Lebensgefahr an. Einige Bilder seien versteckt aus einem Auto entstanden, sagte Bednarski. Andere habe Ziolkowski in aller Öffentlichkeit angefertigt: Menschen wandten sich zu ihm und schauten in die Kamera.

„Das heißt, dass Ziolkowski das Risiko eingegangen ist, aus dem Auto auszusteigen und gefilmt hat, ohne sich zu verstecken,“ so Bednarski. Damit habe er sich auch den Blicken der Polizei ausgesetzt. „Er riskierte, von den Deutschen festgenommen oder gar erschossen zu werden.“

Ein Jahr nach der Besatzung Polens im September 1939 hatten die Deutschen in Warschau ein separates Viertel für die jüdische Bevölkerung ausgewiesen. Dort sperrten sie etwa 480.000 Menschen ein. Viele starben an Hunger oder an sich rasch ausbreitenden Krankheiten. Etwa 300.000 Juden wurden in das Todeslager Treblinka östlich von Warschau gebracht.




Kommentieren