Letztes Update am Mi, 15.05.2019 09:13

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wiener Festwochen: Anklageumkehr am Ende von „3 Episodes of Life“



Wien (APA) - Mit seinen „3 Episodes of Life“, die bei den Wiener Festwochen zur Uraufführung kamen, wollte der schwedische Künstler Markus Öhrn an drei Abenden Blicke auf die Mechanismen des Machtmissbrauchs im beruflichen Kontext werfen. Jede der Episoden zeige eine „stereotypische MeeToo-Situation“, hatte er erklärt. Das gestrige Finale war weit weniger turbulent als der Beginn. Aber nicht weniger perfid.

Hatte der Auftakt eine verstörende Probenszene gezeigt, in der die extremen Kunstmittel eines Choreografen mit extremen Grenzüberschreitungen im Umgang mit seinen Künstlerinnen einhergehen, und Episode 2 im Hotelzimmer des Choreografen in der Begegnung mit der Novizin der Truppe die Vermischung von struktureller und sexueller Gewalt gezeigt, so stellt sich in Episode 3 der Täter der Öffentlichkeit. Und macht aus einer bei einer Pressekonferenz abgegebenen Erklärung eine wütende Anklage gegen die Ankläger.

Dorit Chrysler am Theremin und Arno Waschk am Klavier sind in den Öhrn-typischen Masken diesmal nur zu Beginn im Foyer des Studio Molière im Einsatz: ein kleines Konzert als Prolog für den folgenden, rund einstündigen Film, der mit starrer Kamera ein typisches Setting zeigt. Der Künstler bedankt sich eingangs bei denen, die gekommen sind, sich seine in der Nacht zuvor verfasste Erklärung anzuhören. Hinter ihm sitzen seine Tänzerinnen in ihren an Porno-Puppen erinnernden Masken mit riesigen Glubschaugen und groteskem Schmollmund. Sie sind nicht nur Staffage, sondern werden im Verlauf vom Choreografen immer wieder als Zeuginnen nicht nur seiner Unschuld, sondern seiner liebevollen Zugewandtheit, seiner Achtung vor ihnen angerufen. Dass er dabei intimste Details aus deren Leben öffentlich machen darf, dafür holt er sich in aller Öffentlichkeit die Erlaubnis. Der Druck wird vor aller Augen ausgeübt und als Mitgefühl getarnt.

An Episode 3 besticht vor allem der von Myra Ahbeck Öhrman verfasste Text des auf der medialen Anklagebank Sitzenden, der in Ton und Inhalt die Hybris des patriarchalen, selbstüberheblichen Künstlers exemplarisch trifft. Er belehrt die Anwesenden über die Etymologie des Wortes Monster, über die Natur der wahren Kunst, die ohne Grenzüberschreitung nie zum Kern der Existenz vordringen könne, und über deren mangelndes Verständnis für die tieferen weiblichen Wünsche. Es ist eine eloquente Selbstdarstellung, die den Kern der Debatte trifft und dabei in ihrer Argumentation permanent und bewusst kleine Tabubrüche begeht, um im Großen Täter-Opfer-Umkehr zu begehen.

Zum Verständnis des Finales ist es wichtig, sich die Bilder der ersten beiden Kapitel vor Augen zu führen. Öhrns „3 Episodes of Life“ gehören zusammen. Am 9. Juni werden sie das einzige Mal im Ablauf hintereinander gezeigt. Als verstörende Reise in die dunklen Abgründe von Kunst und Gesellschaft.

(S E R V I C E - Wiener Festwochen: „3 Episodes of Life“ von Markus Öhrn im Studio Molière, 9. Liechtensteinstraße 37. Konzept, Regie, Bühne und Video: Markus Öhrn. Text: Myra Ahbeck Öhrman. Masken und Kostüme: Makode Linde. Musik: Dorit Chrysler und Arno Waschk. Mit Janet Rothe, Jakob Öhrman, Florentina Holzinger, Netti Nüganen und Antonia Steffens. Weitere Termine: Episode 1 am 24. und 31. Mai, 20.30 Uhr. Episode 2 am 18., 25. Mai und 1. Juni, 20.30 Uhr, Episode 3 am 19., 26. Mai und 2. Juni, 20.30 Uhr. Episode 1 - 3 am 9. Juni, 16 Uhr. Infos und Tickets unter www.festwochen.at)

(B I L D A V I S O - Bilder stehen im Pressebereich von www.festwochen.at zum Download bereit.)




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