Letztes Update am Mi, 15.05.2019 15:09

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


EU lässt keine Forschungs-Flaggschiffe mehr vom Stapel



Wien/Brüssel (APA/sda) - Sechs große Forschungsprogramme haben gehofft, sich in die Flotte der „Flaggschiffe“ der EU einzureihen. Allerdings soll es diese Megaprojekte in Zukunft offenbar nicht mehr bzw. nicht mehr in der bisherigen Form geben, wie das Fachjournal „Science“ in einem Online-Artikel berichtet. Betroffen davon sind auch drei Großprojekte, an denen österreichische Institutionen beteiligt sind.

Mit dem 2009 ins Leben gerufenen FET-Flagship-Programm will die EU ambitionierte und visionäre kooperative Forschungsinitiativen fördern, die zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen beitragen sollen. Als „Future and Emerging Technologies“ (FET; Zukünftige und aufstrebende Technologien) wurden bisher drei Flaggschiffe vom Stapel gelassen: 2013 das „Human Brain Project“ zur Modellierung des Gehirns im Computer und „Graphene“, das sich dem neuartigen Material Graphen widmet; im Vorjahr das „Quantum Flagship“ zur Entwicklung wettbewerbsfähiger Quantentechnologien. Dafür erhalten die Projekte über zehn Jahre jeweils eine Mrd. Euro, die Hälfte davon von der EU, die andere von den Mitgliedsstaaten bzw. der Industrie.

Derzeit beraten EU-Kommission und das EU-Parlament zwar noch über die Details zu „Horizon Europe“, dem Nachfolger des EU-Forschungsprogramms „Horizon 2020“, jedoch habe man sich bereits auf eine Programmstruktur geeinigt, berichtet „Science“. Darin fehlen die zwei bis drei neuen Flaggschiffe, welche die EU-Forschungskommission ursprünglich 2020 auswählen wollte. Als Grund für die Abkehr von der Flaggschiffen nannte Kurt Vandenberghe von der EU-Kommission, dass man das Gefühl gehabt habe, „Horizon Europe“ habe zu viele verschiedene Finanzierungsinstrumente und -ansätze. Man habe versucht, diese zu „streamlinen“.

Die EU-Kommission hat im Dezember aus 16 Anträgen eine Shortlist mit sechs Projekten erstellt und sie aufgefordert, detaillierte Anträge auszuarbeiten. Dafür erhalten die Vorhaben, die aus den Bereichen Medizin, Solarenergie, Künstliche Intelligenz und Kulturerbe kommen, je eine Mio. Euro.

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Möglicherweise werden diese Projekte irgendwie anders im Programm „Horizon Europe“ unterkommen, so Vandenberghe. Die Projektteams hätten die Neuigkeit bereits im März erfahren. Zuvor hatte man sie laut dem Bericht von „Science“ bereits gebeten, nicht mehr von „Flaggschiffen“, sondern von „großskalierten Forschungsinitiativen“ zu sprechen.

Christian Ehler, der die Verhandlungen zu „Horizon Europe“ für das EU-Parlament anführt, betonte, das Parlament sei sehr besorgt um die Zukunft der Projekte. Er wolle sich bei der Kommission dafür einsetzen, dass sie unter „Horizon Europe“ doch verwirklicht werden.

Inzwischen arbeiten die Projektteams weiter an detaillierten Umsetzungsplänen für ihre „großen Forschungsinitiativen“, die sie bis Mai 2020 vorlegen müssen. Die Unklarheiten über die zukünftigen Strukturen der Forschungsförderung unter „Horizon Europe“ machen einige Aspekte der Planung jedoch schwierig.

Bei drei Projekten auf der Shortlist sind österreichische Institutionen beteiligt:

Die Initiative „LiveTime“ will menschliche Zellen während der Erkrankung beobachten und verstehen. Ziel ist es, Diagnosen frühzeitig zu stellen und Krankheiten abzufangen. Koordiniert wird das Projekt vom Max Delbrück Zentrum in Berlin und dem Institut Curie in Paris. Unter den 65 Gründungsmitgliedern ist auch Jürgen Knoblich vom Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien.

Die Forschung und Innovation im Bereich Künstliche Intelligenz (KI) in Europa stärken will das Projekt „Humane AI Flagship“. Initiiert von Wissenschaftern aus den Niederlanden, Norwegen und Deutschland soll mit dem Vorhaben ein Verband von Laboratorien für die KI-Forschung in Europa geschaffen werden. Vertreten sind auch Forscher der Technischen Universität (TU) Wien, den Universitäten Linz und Klagenfurt, der Wirtschaftsuniversität Wien und der Medizinischen Universität Wien.

Die Erstellung einer Art „Zeitmaschine“, die es zukünftig auch Laien erlaubt, auf übersichtliche historische Informationen aus ganz Europa zuzugreifen, hat sich das von der ETH Lausanne geleitete „Time Machine“-Konsortium zum Ziel gesetzt. Unter anderem soll es möglich sein, durch die Geschichte Venedigs oder des Stephansdoms zu reisen. Unter den 33 Initiatoren finden sich mit dem Archivnetzwerk ICARUS, der Nationalbibliothek und der TU Wien drei österreichische Institutionen.

(SERVICE - „Science“-Artikel: http://go.apa.at/P3CGjzuS)




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