Letztes Update am Do, 16.05.2019 11:03

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Bundeskunsthalle Bonn zeigt erste große Goethe-Schau seit 25 Jahren



Bonn (APA/dpa) - Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt ab morgen, Freitag, die erste große Goethe-Ausstellung seit 25 Jahren. Sie will die Biografie des bekanntesten deutschen Dichters vor dem Hintergrund seiner Zeit, der frühen Moderne, beleuchten. Breiten Raum nimmt die Wirkungsgeschichte von Johann Wolfgang von Goethe ein, der immer wieder für verschiedenste Zwecke vereinnahmt wurde.

Die Bundeskunsthalle vereint in der Schau 250 Leihgaben aus öffentlichen und privaten Sammlungen weltweit, darunter Werke von Caspar David Friedrich, Auguste Rodin, William Turner, Piet Mondrian und Andy Warhol. Kurator Thorsten Valk betont: „Das Letzte, was wir wollen, ist, Goethe wieder auf ein Podest zu heben.“ Statt ihn zu stilisieren, will die Schau den Geheimrat aus Weimar wieder stärker in seiner eigenen Zeit verorten. Deshalb trägt sie den Titel „Verwandlung der Welt“ - in Anlehnung an die epochalen Umbrüche, die Johann Wolfgang von Goethe in seinem langen Leben von 1749 bis 1832 mitmachte. Dazu gehörten die Französische Revolution und der Beginn der Industriellen Revolution.

Am Anfang der Ausstellung stehen zwei einfache Holzlatten, eine lange und eine kurze. Auf der langen steht das Wort „Goethe“, auf der kurzen „Im Vergleich dazu irgendein Scheißer“. Der Künstler Georg Herold spielt so darauf an, dass man sich neben dem Nationaldichter und Universalgelehrten unvermeidlich klein fühlt. „Des deutschen Volkes besseres Selbst“ nannte man ihn früher. Jede Epoche hat sich ihren eigenen Goethe gebastelt und ihn für unterschiedlichste Zwecke vereinnahmt. Diese Wirkungsgeschichte nimmt in der Schau breiten Raum ein.

Es gibt neun Abteilungen, die alle ihre eigene Optik haben. Zitronengelb ist zum Beispiel jene über seine Italienreise. Einerseits war er dem Land verfallen, andererseits schimpfte er auf die chaotischen Italiener - kommt einem bekannt vor. Orangefarben leuchtet die Islam-Abteilung. In seinem „West-östlichen Divan“ schrieb Goethe: „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“ Mit Sätzen wie diesem ist er heute Impulsgeber für interkulturelle Debatten.

Zu den faszinierendsten Ausstellungsstücken gehört die verblüffend kleine Pistole, mit der sich 1772 in Wetzlar Karl Wilhelm Jerusalem erschoss, Vorbild für Goethes „Werther“. Er hatte sich die Waffe von einem gemeinsamen Bekannten, Johann Christian Kestner, geliehen. Die Kuratoren der Ausstellung trieben sie nach umfangreichen Recherchen in der Schweiz auf. Erstaunlich war das Merchandising, das rund um den „Werther“ - einen der ersten internationalen Bestseller - entstand: Es gab Werther-Schmuck, Werther-Parfüm und Werther-Porzellan.

Goethes Hauptwerk „Faust“ mit seiner Grundfrage „Was darf der Mensch?“ erscheint angesichts von Genmanipulation und künstlicher Intelligenz heute noch relevanter als in seiner eigenen Zeit. Selbst seine „Farbenlehre“, bei der er rein naturwissenschaftlich völlig daneben lag, inspirierte später reihenweise Künstler wie Piet Mondrian und Paul Klee. „Goethe war gut“, sang Rudi Carrell. Fast zu gut, möchte man seufzen.

Das ist denn auch das Einzige, was man der Ausstellung vorwerfen kann: Wenn man sie am Ende verlässt, ist man doch wieder maßlos beeindruckt von Johann Wolfgang Superstar. Man fühlt sich sozusagen doch wieder wie „irgendein Scheißer“. Vielleicht hätte man noch eine zehnte Abteilung hinzufügen müssen mit dem Titel „Goethes größte Irrtümer“. Politisches Gespür etwa ging ihm oft ab, die Französische Revolution verteufelte er, um sich dann Napoleon an den Hals zu werfen. Im übrigen gilt für die Schau: Informationsgehalt: hoch. Unterhaltungswert: beträchtlich. Staubfaktor: null.

(S E R V I C E - https://www.bundeskunsthalle.de)




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