Letztes Update am Do, 16.05.2019 14:26

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Gelbwesten“ - „Le-Pen-Partei wird von Protesten profitieren“



Wien/Paris (APA) - Nach Ansicht der früheren „Gelbwesten“-Aktivistin Ingrid Levavasseur wird in Frankreich bei der kommenden EU-Wahl die rechtsextreme Partei Rassemblement National (RN) von Marine Le Pen am meisten von den Protesten der vergangenen Monate profitieren. „Die Leute werden alles tun, um nicht (Staatspräsident Emmanuel) Macron zu wählen“, meint die Aktivistin am Donnerstag im Gespräch mit der APA in Wien.

Die Stärkung der extremen Rechten macht der 32-jährigen alleinerziehenden Pflegehelferin, die zu einem der bekanntesten Gesichter der „Gelbwesten“-Proteste wurde, Angst, wie sie sagte. Gleichzeitig hält sie es für möglich, dass durch die derzeitige starke Präsenz des Themas Klimaschutz auch die Grünen (EELV) gestärkt werden könnten. Sie selbst unterstützt keine Partei offiziell, fühle sich aber persönlich am ehesten noch dem grünen Gedankengut nahe.

Levavasseur lebt in einer Kleinstadt im Norden Frankreichs und erzieht ihre beiden Kinder alleine. Den Startimpuls für ihr Engagement in der „Gelbwesten“-Bewegung gab nach ihren Angaben die Erkenntnis im vergangenen Herbst, dass sie als Arbeitslose mehr Geld bekäme als in ihrem Beruf als Pflegehelferin. „Ich bin eine arbeitende Frau, ich habe keinen Kredit, ich rauche nicht, ich trinke nicht, ich gehe nicht ins Restaurant, nicht ständig einkaufen - und ich komme mit dem Geld trotzdem nicht aus!“, habe sie gedacht. So schrieb sie im Oktober über Instagram einen Offenen Brief an Macron („Ich bekam keine Antwort, das ist klar“). Sie nahm dann ab dem 17. November 2018 an den Demonstrationen und Straßenblockaden der „Gelbwesten“ teil, die sich zu Beginn insbesondere gegen die Erhöhung der Kraftstoffsteuer richteten. „Ich habe zu Beginn täglich demonstriert, später dann jede Woche“, berichtet sie. Das habe bis zum 16. März 2019 angedauert, als sie sich nach schweren Ausschreitungen in Paris von der „Gelbwesten“-Bewegung distanzierte.

An diesem Tag sei sie auf die Champs-Elysees gegangen - „da war eine sehr eigenartige Stimmung. Ich bekam Angst, große Angst, und ging weg“. Im Anschluss habe sie an einer Demonstration für das Klima teilgenommen und sei dann von Bekannten informiert worden, dass es auf dem Prachtboulevard brenne. Bei den Protesten waren auf den Champs-Elysees an diesem Tag mehrere Geschäfte sowie eine Bankfiliale angezündet worden. Der Brand der Filiale breitete sich auf das darüberliegende Wohnhaus aus, mehrere Menschen wurden verletzt. „Ich wollte nicht, dass man die Gelbwesten mit den Randalierern identifiziert, daher habe ich (mit der Teilnahme an den Demonstrationen, Anm.) aufgehört.“

Levavasseur, die persönlich jegliche Gewalt ablehnt, sieht allerdings den Ursprung der gewalttätigen Eskalation der „Gelbwesten“-Proteste auch im massiven Vorgehen der Polizei zu Beginn. „Was haben ich gemacht, um niedergeknüppelt zu werden?“, fragte sie. Sie selbst sei zwar nicht geschlagen worden, präzisierte die Aktivistin, aber ins Tränengas geraten und auch nur knapp den Flashball-Geschoßen entkommen - „dabei habe ich immer friedlich demonstriert“. Der Einsatz dieser umstrittenen Waffen durch die Polizei hatte bei zahlreichen Demonstranten zu schweren Verletzungen geführt und wurde deshalb heftig kritisiert. Die Aktivistin vermutet: „Die Regierung hat am Anfang wohl gedacht: Wir werden hart vorgehen, um diese Leute zum Schweigen zu bringen!“ Manche Demonstranten hätten dann „auf die Polizeigewalt mit Gewalt geantwortet“.

Levavasseur hatte ursprünglich ein Antreten bei den Europawahlen Ende Mai geplant, sich aber nach Beschimpfungen und Drohungen aus dem Kreis der „Gelbwesten“ wieder zurückgezogen. Die Gründe dafür? „In der ‚Gelbwesten‘-Bewegung gab es am Anfang eine derartige Ablehnung der Politik, dass man sich gar nicht politisch präsentieren wollte, keinen Anführer haben wollte.“ Sie selbst habe allerdings auf das politische Engagement nicht verzichten wollen: „ich wollte diese Bewegung in eine politische Bewegung überführen. Wir waren so viele, dass wir, wenn wir eine Einheit gebildet hätten, viel Gewicht gehabt hätten.“ Andere „Gelbwesten“-Mitglieder hätten ihr jedoch aufgrund ihres Engagements vorgeworfen, nur ihren eigenen Vorteil zu suchen.

Die frühere „Gelbwesten“-Vertreterin, die nun ein Antreten bei den Kommunalwahlen 2020 überlegt, sieht nichtsdestotrotz einen „wunderbaren Einfluss“ der Bewegung auf die politische Landschaft in Frankreich und überhaupt eine „neue politische Dynamik“. „Jetzt, vor den Kommunalwahlen, konsultieren nun die sich formierenden Wahllisten die Bürger - sie fragen: Was wollt ihr? Das ist etwas ganz Neues“, erzählt sie als Beispiel. Außerdem habe sie die Erkenntnis gewonnen: „Es gibt eine Solidarität, die existiert. (...) Mir ist klar geworden, dass die Leute noch ein Herz haben.“ Nun schämten sich viele Menschen nicht mehr, über ihre finanziellen Schwierigkeiten zu sprechen. Selbst unter den Reichsten des Landes sei nun mehr Bewusstsein vorhanden für die sozialen Probleme auch unter der arbeitenden Bevölkerung, konstatiert sie.

Die frühere „Gelbwesten“-Aktivistin befand sich auf Einladung von Liste-Jetzt-Bundesobfrau Maria Stern in Wien. Diese hatte kürzlich die Europäische Allianz für Alleinerziehende ins Leben gerufen. In dieser Alleinerziehenden-Bewegung engagiert sich Levavasseur mit ihrem eigenen Verein.

( Das Gespräch führte Petra Edlbacher/APA. )




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