Letztes Update am Fr, 17.05.2019 12:48

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Colonia Dignidad: Eine Kolonie des Schreckens



Berlin (APA/AFP) - Offiziell als landwirtschaftliches Vorzeigeprojekt in Chile gegründet, wurde die Deutschensiedlung Colonia Dignidad („Kolonie der Würde“) weltweit wegen ihrer Verbrechen an Kindern bekannt. Der aus Deutschland geflohene Ex-Wehrmachtsgefreite und Laienprediger Paul Schäfer gründet die sektenartig organisierte Siedlung 1961 bei der Stadt Parral, rund 350 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago.

Für Schäfer war es die Chance, den Hals aus der Schlinge zu ziehen - in Deutschland lag gegen ihn ein Haftbefehl wegen Missbrauchs Schutzbefohlener vor. Mit „deutscher Disziplin und Schaffenskraft“, wie die Betreiber prahlen, entsteht unter der Führung des Sektenführers schnell ein gut gehendes landwirtschaftliches Anwesen, das den Armen der Region medizinische Versorgung und Schulbildung bietet. Gern schicken die armen Bauern ihre Kinder in die angebliche „Kolonie der Würde“ - doch die Kinder werden zu hunderten misshandelt und missbraucht.

Während der 17-jährigen Militärdiktatur in Chile ab 1973 steht die Colonia unter besonderem Schutz des Junta-Chefs Augusto Pinochet. Schäfers Schläger foltern in unterirdischen Kammern Oppositionelle und bilden Folterknechte für den Geheimdienst Dina aus. 1976 erwähnt die damalige UNO-Menschenrechtskommission die Colonia als Ort, in dem chilenische Regimekritiker festgehalten und gefoltert werden.

Ab und zu verbringen Pinochet und seine Frau Lucía ein Wochenende in der Kolonie. Der Diktator schwärmt anschließend von „einem Paradies der Ordnung und Reinheit, geschaffen von Deutschen in unserem sauberen Land“. Mehrere deutsche Politiker besuchen ebenfalls die Kolonie, unter ihnen 1977 der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß.

Nach dem Ende der Militärdiktatur in Chile häufen sich die Vorwürfe und Anzeigen gegen die Colonia. Neben Kindesmissbrauch lauten diese auch auf Steuerhinterziehung, Waffenschmuggel, Freiheitsberaubung und Drogenmissbrauch. 1991 wird die Sektensiedlung offiziell aufgelöst. Am selben Ort entsteht die Villa Baviera mit Hotel und Restaurant.

Der mittlerweile mit internationalem Haftbefehl gesuchte Colonia-Gründer Schäfer taucht 1996 unter. Jahrelang entzieht er sich dem Zugriff der chilenischen Polizei, die gegen ihn wegen Vergewaltigung Minderjähriger und Mitwirkung bei der Folterung und Ermordung von Pinochet-Gegnern ermittelt.

Schäfer, der offenbar über Kontakte in einflussreiche Kreise der chilenischen Gesellschaft verfügt, wird erst im Jahr 2005 in Argentinien gefasst. Ein Jahr später verurteilt ihn ein Gericht in Parral wegen des Missbrauchs von Kindern in 25 Fällen zu 20 Jahren Haft. 2010 stirbt Schäfer im Alter von 88 Jahren in einem Gefängniskrankenhaus der chilenischen Hauptstadt.

In Deutschland sind ab den 80er Jahren gegen Schäfer drei Ermittlungsverfahren anhängig. Sie führen aber zu keinem Prozess. Die meisten Verbrechen sind bis heute nicht aufgeklärt. Der von der chilenischen Justiz gesuchte Hartmut Hopp, ehemaliger Leiter des Krankenhauses der Colonia Dignidad, setzt sich 2011 nach Deutschland ab. Anfang Mai 2019 stellt die Krefelder Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen gegen ihn ein.

2016 räumt der damalige deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier ein, dass das Auswärtige Amt und die deutsche Botschaft in Santiago jahrelang nicht angemessen auf die Verbrechen in der Deutschensiedlung reagiert haben. Im Oktober 2018 konstituiert sich eine gemeinsame Kommission aus Bundesregierung und Bundestag. Sie stellte am Freitag ihr Hilfskonzept für die Opfer von Colonia Dignidad vor.




Kommentieren