Letztes Update am Sa, 18.05.2019 11:05

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gregor Gysi: „Ich fürchte eine gottlose Gesellschaft“



Köln (APA) - Der Präsident der Europäischen Linken, Gregor Gysi, hält den Papst nach eigenem Bekunden für eine „sehr wichtige moralische Autorität“. Gysi sagte dem kirchlichen Kölner Internetportal domradio.de (Freitag) laut Kathpress zudem: „Ich glaube nicht an Gott, aber ich fürchte eine gottlose Gesellschaft.“

Er kenne die Bedeutung der Religion und der Kirche für Tradition, Kultur und eine allgemein verbindliche Moral. Bei einem Treffen am Mittwoch in Rom habe er Gemeinsamkeiten zwischen sich und dem Oberhaupt der katholischen Kirche festgestellt und ihm seine Unterstützung angeboten.

Der Papst wolle weder den Kapitalismus noch eine Wirtschaft aus dem Staatssozialismus, so Gysi. „Ich habe ihm zum Beispiel angeboten, wenn er da Unterstützung braucht, dass ich gerne bereit bin, diese zu liefern - auch die europäische Linke ist dazu bereit.“ Auch fänden beide Armut ungerecht, obwohl sie diese Überzeugung aus unterschiedlichen Gründen herleiteten. „Es ist mir wichtig, dass alle die gleiche Chance bekommen. Ich glaube, das ist dem Papst genauso wichtig.“ In Bezug auf die Flüchtlingsfrage erklärte der Präsident der Europäischen Linken, für den Papst müssten alle Menschen gleichwertig sein. „Ein Papst kann ja niemals ein Rassist sein.“

Gysi, langjähriger deutscher Spitzenpolitiker, hatte im März der österreichischen Zeitschrift „miteinander“ ein langes Interview gegeben. Darin gab er sich als Fan von Papst Franziskus zu erkennen. Trotz aller Kritik, die er am Papst in Fragen der Sexualmoral, des Umgangs mit Homosexualität oder den Missbrauchsfällen anbringen müsse, so sei Franziskus „mit seinen immer wieder geäußerten Positionen zum Frieden und seiner Bedrohung und zu den sozialen und ökologischen Folgen kapitalistischen Wirtschaftens ein wichtiger Impulsgeber für die gesellschaftliche Entwicklung“. Angesichts dessen müsse er den Papst sogar „häufig gegenüber Katholiken verteidigen“, so der Politiker.

Gysi, der sich selbst als nicht-gläubig bezeichnet, würdigte in dem Interview den Wert der Religionen für die Regeneration von Wert- und Moralvorstellungen in der Gesellschaft: So sehe er zur Zeit nur die Religionen in der Lage, „grundlegende Moral- und Wertvorstellungen allgemeinverbindlich in der Gesellschaft“ prägend zur Geltung zu bringen. Die Linke habe ihre Kraft in dieser Hinsicht spätestens seit dem Ende des real existierenden Sozialismus „für längere Zeit verwirkt“; die Rechte ordne indes Wert- und Moralvorstellungen den wirtschaftlichen Imperativen unter - „der Markt aber kann keine Moral- und Wertvorstellungen hervorbringen“.

Keinen Zweifel ließ Gysi daran, dass es eine starke Linke in Europa „als Gegenüber zu den Rechtsaußen“ brauche: Weder die Globalisierung noch die ökologische Frage oder die eskalierenden kriegerischen Konflikte lassen sich laut Gysi schließlich „mit dem extremen nationalen Egoismus a la Trump, Orban oder Strache beantworten“. Allerdings brauche es dazu eine neue linke Kraft, da die bisherigen linken Kräfte „historisch versagt“ haben.




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