Letztes Update am Mo, 20.05.2019 22:06

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Filmfestspiele Cannes - „Lillian“-Regisseur Horvath: „Großartig hier“



Cannes (APA) - Mit „Lillian“ hatte am Montag der zweite österreichische Film bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes seine Weltpremiere. „Es ist großartig hier in Cannes, es ist das erste Mal für mich. Mein voriger Film ist in Venedig gelaufen, das ist jetzt noch einmal eine Steigerung“, sagte Regisseur Andreas Horvath anschließend im Interview mit der APA.

Der Film des 1968 geborenen Salzburgers läuft in der renommierten Sektion „Quinzaine des Realisateurs“. „Ich hoffe, dass es dem Film guttun wird. Es ist ein schwieriger Film, er verlangt viel Aufmerksamkeit, wenn man ihn wirklich genießen und verstehen will. Durch die Teilnahme hier verlieren vielleicht manche ihre Berührungsängste“, so Horvath.

Auch am Anfang von „Lillian“ stand ein Filmfestival, denn der Film orientiert sich an der wahren Geschichte der Lillian Alling, einer Frau, die in den 1920ern von New York City nach Alaska gegangen ist und nach Russland gelangen wollte. „Ich war 2004 bei einem Festival in Montreal eingeladen und habe dann Freunde in Toronto getroffen. Sie hatten einen Schriftsteller bei sich zu Gast, der gerade aus Alaska zurückgekommen war. Dort wollte er wie Jack London in einer Blockhütte den Winter erleben und hat dabei zufällig über die echte Lillian Alling gehört. Seither hat mich diese Geschichte nicht mehr losgelassen, seither wollte ich diese Geschichte verfilmen“, erzählte Horvath. „Von Anfang an war wollte ich aber meine eigene Sache daraus machen: Der Film sollte heute spielen, und er sollte dokumentarisch gedreht werden.“

Geworden ist es nun „eine perfekte Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm. Wir erzählen ihre Geschichte weiter, aber die Leute, die sie auf ihrer Wanderung trifft, diese Begegnungen sind alle wirklich auf der Reise entstanden.“ Ein einziger Mitwirkender war ein Profischauspieler, und überraschenderweise war es nicht die Hauptdarstellerin, sondern der Darsteller jenes Pornoproduzenten, der am Anfang des Films in New York Lillian nicht engagiert, weil sie weder einschlägige Erfahrung noch Papiere vorzuweisen hat.

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Die junge Polin Patrycja Planik nämlich, die Lillian mit großer Hingabe verkörpert, ist eigentlich Fotografin, Regisseurin und dreht Videofilme über Theaterproduktionen. „Vermutlich deswegen haben wir einander so gut verstanden“, sagte Planik im APA-Interview. Neun Monate dauerte der Dreh, mit einer kleinen Crew reiste man tatsächlich von New York City nach Alaska. „So lange würde es auch dauern, wenn man zu Fuß geht“, so Horvath. „Ich wollte, dass man eine ungefähre Vorstellung von der nordamerikanischen Geografie bekommt. Sie überquert die drei größten Flüsse - Mississippi, Missouri und Yukon -, die Rocky Mountains und die Great Lakes.“ Dabei entsteht ein realistisches und heutiges Porträt eines Kontinents jenseits aller Klischees.

„Auch ich selbst bin eine begeisterte Wanderin“, versicherte die Hauptdarstellerin. „Wandern ist auch Teil meiner Familiengeschichte. Mein Vater hat mich an Wochenenden als Kind für lange Wanderungen in die Berge mitgenommen. Das war ein großartige Sache.“ Auch das Alleinsein sei ihr keineswegs fremd. „Lillian sucht nicht den Kontakt zu den Menschen. Sie mag ihre Einsamkeit. Sie empfindet Leute mehr als Bedrohung als die Natur. Die Reise verändert sie und bringt sie der Natur näher als den Menschen. Man wird Teil von ihr. Das gibt ihr auch Kraft. Es ist wie eine Sucht. Man will mehr und mehr davon.“

Lillian ist eine stumme Rolle. „Das ist schwierig, aber wenn man keine Worte hat, sucht man eben nach einem anderen Ausdruck. Das habe ich sehr interessant gefunden“, versicherte Planik. Doch Horvath korrigierte: „Tatsächlich spricht sie, aber nur ein Wort ganz am Anfang: Njet. Das war mir wichtig. Damit man weiß: Sie ist nicht stumm.“

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)




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