Letztes Update am Mi, 22.05.2019 16:15

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kontroverse um möglichen neuen Chlorgasangriff in Syrien



Damaskus (APA/AFP) - Syrische Aktivisten haben einer Erklärung der US-Regierung zu einem möglichen neuen Chemiewaffenangriff in Syrien widersprochen. Das US-Außenministerium sprach am Dienstag von einer „mutmaßlichen Chlorgasattacke im Nordwesten Syriens“ am Sonntagmorgen, doch bestätigten die Weißhelme und die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte die Angaben am Mittwoch nicht.

Das US-Außenministerium sprach in einer Erklärung von „Hinweisen“ für einen Chlorgasangriff. Sollten die Truppen von Machthaber Bashar al-Assad erneut Chemiewaffen benutzen, würden die USA und ihre Verbündeten „in angemessener Weise antworten“, warnte eine Sprecherin.

Assads Verbündeten Russland warf sie eine „Desinformationskampagne“ vor. Es sei „nicht zu leugnen“, dass Assad Schuld an Chemiewaffenangriffen trage.

Die Jihadistenallianz Hayat Tahrir al-Sham (HTS) hatte den Assad-Truppen am Sonntag vorgeworfen, im Norden der Küstenprovinz Latakia Chlorgas gegen ihre Kämpfer eingesetzt zu haben. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte erklärte am Mittwoch aber, sie habe keinerlei Hinweise auf einen solchen Angriff. Auch die Zivilschutzorganisation der Weißhelme gab an, keine entsprechenden Informationen zu haben.

Im Syrien-Konflikt wurde schon mehrfach Giftgas eingesetzt. Assad hatte nach einem verheerenden Giftgasangriff 2013 zugesagt, alle Chemiewaffen außer Landes zu bringen. Es blieben aber Zweifel, ob tatsächlich alle Bestände zerstört seien. Nach einem neuerlichen Chemiewaffenangriff in Ost-Ghouta im April 2018 flogen die USA, Frankreich und Großbritannien Vergeltungsangriffe. Syrien und Russland bestritten stets, Giftgas einzusetzen.

Die Kontroverse um den möglichen neuen Angriff in Latakia fällt inmitten einer neuen Eskalation der Gewalt im Nordwesten Syriens. Die Assad-Truppen gehen seit einigen Wochen verstärkt gegen die letzte Rebellenbastion Idlib vor. Die Provinz werden von Hayat Tahrir al-Sham (HTS) und islamistischen Rebellengruppen kontrolliert. Seit September gilt dort eigentlich eine Waffenruhe, doch wurde die Vereinbarung nie komplett umgesetzt.

Bei einem Luftangriff der Regierungstruppen auf einen belebten Markt der Stadt Maarat al-Numan wurden am späten Dienstagabend laut der Beobachtungsstelle mindestens zwölf Menschen getötet. Die Marktstände und die Fassaden umliegender Gebäude wurden verwüstet, wie ein AFP-Reporter berichtete. Der Markt war zu später Stunde noch voller Menschen, da im islamischen Fastenmonat Ramadan viele erst am Abend einkaufen gehen.

Von der Gegend um die Stadt Kafr Nabuda in der Provinz Hama meldete die Beobachtungsstelle ebenfalls heftige Kämpfe. Bei einer HTS-Gegenoffensive auf die Stadt, die am 8. Mai von der Regierung eingenommen worden war, seien binnen 24 Stunden 23 Jihadisten und 29 Assad-treue Kämpfer getötet worden, erklärte die oppositionsnahe Organisation, die ihre Angaben von Aktivisten vor Ort bezieht. Für Medien sind sie meist nicht zu überprüfen.

Im Süden von Idlib wurden demnach drei weitere Zivilisten bei Luftangriffen getötet. Seit Beginn der jüngsten Gefechte am 30. April habe es fast 200 zivile Tote gegeben, erklärte die Beobachtungsstelle. Der UN-Sprecher David Swanson warnte vor einer „humanitären Katastrophe“ für drei Millionen Menschen, die zwischen den Fronten gefangen seien. Seit Ende April seien bereits 200.000 Menschen in die Flucht gezwungen worden.

( 0627-19, 88 x 94 mm)




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