Letztes Update am Fr, 24.05.2019 02:09

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Amerikanischer Taliban“ aus US-Haft entlassen - Kritik Trumps



Washington (APA/dpa) - Der frühere amerikanische Taliban-Kämpfer John Walker Lindh ist nach 17 Jahren Haft vorzeitig aus einem Gefängnis in den USA entlassen worden. Das berichteten der Sender CNN und andere US-Medien am Donnerstag übereinstimmend unter Berufung auf Lindhs Anwalt Bill Cummings. Lindh - der als „amerikanischer Taliban“ bekannt wurde - seien wegen guter Führung drei Jahre seiner Strafe erlassen worden. Für ihn gälten nun aber strenge Auflagen.

Der Konvertit war Ende 2001 beim US-geführten Einmarsch in Afghanistan gefasst worden. Im Oktober 2002 hatte ihn ein Gericht in den USA zu 20 Jahren Haft verurteilt. Der heute 38-Jährige war zuletzt in einem Gefängnis in Terre Haute im US-Staat Indiana inhaftiert gewesen. Lindh war der erste US-Amerikaner, der in dem von den USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ausgerufenen „Krieg gegen den Terror“ gefangen genommen wurde.

Unmittelbar vor Lindhs Haftentlassung nannte US-Außenminister Mike Pompeo den Schritt „unerklärlich und gewissenlos“. Pompeo sagte dem Sender Fox News am Donnerstag: „Daran ist etwas zutiefst Beunruhigendes und Falsches.“

Lindh war nach seiner Festnahme 2001 gemeinsam mit anderen Taliban- und Al-Kaida-Kämpfern in der Festung Kala-i-Jangi bei Mazar-i-Sharif in Nordafghanistan inhaftiert gewesen, als es dort zu einem Gefangenenaufstand kam. Bei dem Aufstand wurde ein Mitarbeiter des US-Geheimdienstes CIA, der Amerikaner Mike Spann, getötet. Lindh wurde deswegen allerdings nicht verurteilt.

Spanns Tochter Alison Spann hatte sich vor der Haftentlassung in einem offenen Brief an US-Präsident Donald Trump gewandt. Darin forderte sie den Präsidenten auf, Lindhs Freilassung zu verhindern. Alison Spann sprach von einem „Schlag ins Gesicht“ und nannte Lindh einen „Verräter“. Sie warf Lindh vor, ihren Vater bei seinem Verhör nicht vor dem bevorstehenden Aufstand gewarnt zu haben.

Trump sagte am Donnerstag (Ortszeit) zu Lindhs Entlassung: „Mir gefällt das gar nicht.“ Er habe nach rechtlichen Möglichkeiten suchen lassen, um dessen Freilassung zu verhindern. Doch es habe keine rechtliche Handhabe gegeben. Lindh sei ein Mann, der dem Terror nicht abgeschworen habe, beklagte Trump. „Und trotzdem mussten wir ihn freilassen.“

Lindh hatte sich vor Gericht „von jeder Art von Terrorismus“ distanziert und sich des Sprengstoffbesitzes und der Unterstützung des Taliban-Regimes schuldig bekannt. Im Gegenzug hatte die Bundesanwaltschaft einen schwerer wiegenden dritten Anklagepunkt - Verschwörung zur Ermordung von Amerikanern - fallengelassen.

Pompeo - der die CIA von 2017 bis 2018 leitete - beschuldigte Lindh am Donnerstag allerdings, der radikalislamischen Ideologie nicht abgeschworen zu haben. „Nach meinem Verständnis bedroht er weiterhin die Vereinigten Staaten von Amerika und ist weiterhin demselben Jihad verschrieben, in dem er sich engagiert hat.“

Der Sender NBC Los Angeles berichtete am Mittwoch, Lindh habe sich in handgeschriebenen Briefen aus dem Gefängnis an einen Mitarbeiter des Senders unter anderem lobend über die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) geäußert. So habe er im Februar 2015 geschrieben, der IS mache „eine eindrucksvolle Arbeit“. Das US-Magazin „Foreign Policy“ hatte im Juni 2017 aus einem Bericht des Nationalen Terrorabwehrzentrums (NCTC) zitiert, wonach Lindh weiterhin für den globalen Jihad werbe und extremistische Texte schreibe und übersetze.

Die „Washington Post“ berichtete, bis zum Ablauf der 20-jährigen Strafe müsse Lindh sich an strenge Auflagen halten. Unter anderem dürfe er keinen Reisepass besitzen, das Internet nicht ohne Aufsicht benutzen und online nicht ohne vorherige Zustimmung mit anderen Personen auf einer anderen Sprache als Englisch kommunizieren. Er müsse sich außerdem einer psychologischen Behandlung unterziehen.

Der Sender NPR berichtete, Lindh sei in der US-Hauptstadt Washington zur Welt gekommen, wo sein Vater für das Justizministerium gearbeitet habe. Die Familie sei dann in die Gegend von San Francisco gezogen, als Lindh zehn Jahre alt gewesen sei. Der Katholik sei im Alter von 16 Jahren zum Islam konvertiert. Mit Einverständnis seiner Eltern sei er in den Jemen gereist, um den Islam und die arabische Sprache zu studieren. Er sei dann über Pakistan nach Afghanistan gereist, um sich freiwillig den radikalislamischen Taliban anzuschließen.




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