Letztes Update am Sa, 25.05.2019 01:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


May-Nachfolge: Expertin Sully sieht gute Chancen für Boris Johnson



London (APA) - Nach der Rücktrittsankündigung der britischen Premierministerin Theresa May sieht die Politologin Melanie Sully gute Chancen für den Ex-Außenminister und Brexit-Hardliner Boris Johnson, seine Tory-Parteikollegin Ende Juli zu beerben. Eine wichtige Rolle könnte dabei das Abschneiden der Konservativen bei der EU-Wahl spielen, sagte Sully im Gespräch mit der APA.

Bis vor kurzem hätte Johnson keine besonders guten Aussichten auf das Amt des Parteichefs gehabt, meint die Expertin. „Was ihm eine Menge Chancen gegeben hat, ist, dass Theresa May nicht in der Lage war, irgendeine Entscheidung zu treffen oder eine Orientierung zu geben, und deshalb sind viele Wähler zu (Nigel) Farage abgedriftet, und wir werden nächste Woche den Schaden sehen, den das verursacht hat.“

Johnson könnte die konservative Basis inspirieren und auch in einem Wahlkampf auf Mitarbeit und Unterstützung zählen, sagt Sully - was bei May und ihrem Brexit-Deal nicht der Fall gewesen wäre. „Er ist so ziemlich der Einzige, der wirklich sehr gut wahlkämpfen könnte - nicht nur gegen Jeremy Corbyn, sondern auch gegen Nigel Farage.“

Die konservativen Abgeordneten seien um ihre eigenen Sitze besorgt, „und sie werden überlegen, wer kann mir meine Position als Parlamentarier sichern“. Besonders wichtig dürften deshalb laut Sully die Ergebnisse der EU-Wahl werden, die am späten Sonntagabend bekannt werden sollen. „Wenn die Konservativen unter zehn Prozent kommen und Farage einen großen Sieg einfährt, dann werden viele Leute sagen, ich schlucke das, ich unterstütze Boris Johnson.“ Der Fokus würde sich dann in der Nachfolge-Frage dahin gehend verschieben, wer in einem Wahlkampf ein „Asset“ wäre.

Gegen Johnson als nächsten Partei- und Regierungschef spricht laut der Expertin freilich unter anderem, dass er nicht immer sehr ernsthaft sei. Wenn der Ex-Minister nach den Wahlgängen unter den konservativen Abgeordneten allerdings unter den letzten beiden Kandidaten sein sollte, dann wären die Parteimitglieder am Wort, und der frühere Londoner Bürgermeister könnte tatsächlich Premierminister werden, glaubt Sully. „Unter den Parteimitgliedern hat Johnson sehr gute Chancen gewählt zu werden. Er ist sehr populär.“

Momentan ist das Feld der Kandidaten für den Vorsitz der britischen Konservativen breit und umfasst laut Sully mittlerweile 18 Personen. Manche dürften wohl auch aus taktischen Gründen in den Ring steigen und würden sich letztlich aus dem Rennen zurückziehen, wenn sie für die Unterstützung eines anderen Kandidaten beispielsweise einen Posten im Kabinett angeboten bekämen, meint sie: „Da wird ziemlich viel gehandelt werden. Einige von denen, die jetzt antreten, tun das nicht, weil sie glauben, dass sie gewinnen werden, sondern weil sie ein Regierungsamt wollen.“

Ein offensichtlicher Favorit für das Amt des Parteichefs ist laut Sully neben Johnson Ex-Brexit-Minister Dominic Raab. Chancen könnte jedoch auch Graham Brady, der Vorsitzende des 1922-Komitees der Konservativen Partei, haben, der sich als Kompromisskandidat herauskristallisieren könnte. „Ich glaube, er wäre für beide Parteiflügel akzeptabel“ - und könnte beispielsweise zum Zug kommen, falls Johnson doch als zu unberechenbar gesehen werde.

Die Politologin nennt noch einen anderen Aspekt, der es Bewerbern erschweren könnte, zum Zug zu kommen: „Es ist unwahrscheinlich, dass ein Kandidat gewählt wird, der nur eine sehr kleine Mehrheit im eigenen Wahlkreis hat. Es ist zwar nicht so, dass es ein Gesetz wäre, dass man ins Parlament gewählt werden muss, um Premierminister zu sein, aber es ist eine Konvention.“

Das könnte auch ein Argument gegen Johnson sein, der in seinem Wahlkreis Uxbridge nur über eine Mehrheit von rund 5.000 Stimmen verfüge. „So, wie es für die Konservative Partei im Moment läuft, könnte das ausgelöscht werden. 2015 betrug sein Vorsprung 10.000, durch die Verluste der Konservativen reduzierte sich das 2017 aber auf 5.000, und er ist nicht so überragend populär in seinem Wahlkreis.“

Schließlich habe er zunächst versprochen, gegen eine neue Start- und Landebahn für den Flughafen Heathrow einzutreten. „Als dann aber die Abstimmung im Parlament war, war er außer Landes.“ Und der Flughafen sei in Uxbridge bei jeder Wahl ein wichtiges Thema. 5.000 Stimmen seien zwar kein marginaler Vorsprung, aber die Konservativen steckten derzeit wirklich in Schwierigkeiten, „und man möchte seinen neu gewählten Parteichef nicht bei der ersten Wahl hinausgewählt sehen“. Und von allen Bewerbern mit den höchsten Erfolgsaussichten sei Johnson derjenige mit der kleinsten Mehrheit in seinem Wahlkreis.

Sully geht grundsätzlich davon aus, dass die Konservative Partei diesmal einen Vorsitzenden bestimmen will, der in der Brexit-Frage eine ganz klare Haltung vertritt und eine Vision hat, wohin sich die konservative Bewegung nach dem britischen EU-Austritt entwickeln soll. Die schlechten Zustimmungswerte für die Partei lägen natürlich am Brexit, aber sie verliere etwa auch viele junge Menschen. David Cameron habe zum Beispiel versucht, eine moderne Partei aufzubauen, „er wollte einen jungen, modernen Konservatismus, und das ist alles wegen des Brexit auf der Strecke geblieben“.

(Das Gespräch führte Alexandra Angell/APA)




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