Letztes Update am Mo, 27.05.2019 05:33

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Chemieobmann: Regierungswechsel darf nicht zu Reformstillstand führen



Wien (APA) - Der Regierungswechsel in Österreich darf nicht dazu führen, dass für die Wirtschaft positive Maßnahmen, die gestartet worden seien, nun wieder rückgängig gemacht werden, warnt der Obmann des Fachverbandes der Chemischen Industrie, Hubert Culik. „Diese Pause darf nicht zu lange sein“, sagte Culik im Gespräch mit der APA. Seine Erwartungen für die Branche sind für heuer vorsichtig optimistisch.

Im vergangenen Jahr seien einige Reformen umgesetzt worden, die bedeutend zur Verbesserung des Standortes Österreich beigetragen hätten, sagte der Verbandschef, etwa die Arbeitszeitflexibilisierung oder Erleichterungen bei Genehmigungsverfahren. In seinem eigenen Betrieb habe er schon seit Jahren mit jedem Mitarbeiter einen Flexibilitätsvertrag gemacht, „die sind froh darüber, weil sie auch Vorteile haben bei dem Ganzen und nicht Nachteile“.

Hubert Culik ist Geschäftsführer des Lackherstellers Rembrandtin und CEO der Helios-Gruppe. Helios gehört dem japanischen Farbenhersteller Kansai Paint.

Aber auch die Reformen bei den Sozialversicherungen würden von der Branche positiv bewertet. „Wir hoffen nun, dass die nächste Regierung diesen Kurs fortsetzt und für den Standort wichtige Reformen nicht wieder zurücknimmt“, fordert Culik. Teure Wahlzuckerl wie im Jahr 2017 sollten diesmal aber unterlassen werden. Bis zu den Wahlen erwarte sich die chemische Industrie zunächst Stabilität.

Die österreichische Chemieindustrie habe sich 2018 erfreulich entwickelt, sagte Culik, auch dank der guten internationalen Konjunktur. Die abgesetzte Produktion sei um mehr als 5 Prozent auf 16,2 Mrd. Euro gestiegen. Auch die Beschäftigung sei um fast tausend Mitarbeiter auf 45.600 gestiegen.

Zuwächse gab es vor allem bei organischen und anorganischen Grundstoffen, aber auch Pharmazeutika und Kunststoffe hätten sich positiv entwickelt, berichtete Culik. Lediglich bei Schädlingsbekämpfungs-, Pflanzenschutz- und Desinfektionsmitteln habe es eine negative Entwicklung gegeben. Chemiefasern bleiben auf dem gleichen Niveau.

Der österreichische Außenhandel mit Chemiewaren konnte im Vorjahr nur um 1 Prozent zulegen. Die Exporte nach Frankreich, das nach Deutschland der zweitwichtigste Handelspartner ist, gingen stark zurück. Dafür legten wichtige Märkte in Mittel- und Osteuropa zu: Polen um 7,9 Prozent, Tschechien 14,7 Prozent, Slowakei 10,5 Prozent und Slowenien 17,8 Prozent. Letztlich habe aber vor allem eine verstärkte Nachfrage aus den USA (+8,9 Prozent) das leichte Plus im Außenhandel bewirkt.

Die USA sind mit 1,4 Mrd. Euro Ausfuhrvolumen Österreichs fünftwichtigster Handelspartner für Chemiewaren. Erster ist Deutschland mit mehr als 5 Mrd. Euro, gefolgt von Frankreich, der Schweiz und Italien. Insgesamt ist Österreichs Chemiehandelsbilanz leicht negativ: 23,8 Mrd. Euro an Exporten stehen 25 Mrd. Euro Importe gegenüber.

Für heuer rechnet Culik mit einem ähnlich guten Ergebnis wie 2018, man sei „verhalten optimistisch“. Das Jahr habe gut begonnen und die Auftragslage sei ähnlich wie im Vorjahr. „Aber in manchen Bereichen beginnt es schon abzuflachen und ich bin nicht sicher, ob sich das übers ganze Jahr so gut weiter entwickeln wird.“ Das hänge auch von der Entwicklung Autoindustrie und ihrem Kunststoffbedarf ab. „Chemiegiganten wie Lanxess oder BASF warnen bereits davor, dass 2019 in der zweiten Hälfte ein schwieriges Jahr wird.“

Risiken seien etwa die Konjunkturabschwächung in Deutschland sowie der nahende Brexit und der Handelskonflikt zwischen den USA und China. Ein Problem seien weiterhin auch die Russland-Sanktionen. „Wir haben z.B. einen japanischen Eigentümer und dürfen aufgrund der US-Sanktionen nicht an russische Autofabriken liefern“, erklärte Culik. Im Iran habe man früher gute Geschäfts mit Kunstharzen gemacht, aber auch die habe man wegen der Sanktionen verloren.

Allein sein Unternehmen habe dadurch knapp ein Zehntel seines Umsatzes eingebüßt und in anderen Märkten wieder hereinholen müssen. „Wir gehen verstärkt nach Deutschland und Frankreich, müssen dort aber Zugeständnisse beim Preis machen.“ Auch sei man jetzt in Märkte wie Ägypten, Israel oder Äthiopien gegangen, „die wir bis jetzt immer links liegen gelassen haben“.

Die Chemieindustrie sei eine Branche mit Zukunftspotenzial, meint Culik, sie werde auch bei der Erreichung der Klimaziele eine wesentliche Rolle spielen. Schon jetzt leiste man einen wichtigen Beitrag etwa durch Wärmedämmung von Gebäuden, durch treibstoffsparende Leichtbauteile an Autos oder Bausteine für Solarenergie. Künftig werde die Materialwissenschaft eine noch größere Rolle spielen. Dabei gehe es u.a. darum, fossile Rohstoffe wie Erdöl und Erdgas etwa durch Zellulose, Stärke oder organische Abfälle zu ersetzen.

Ein großes Anliegen sei ihm auch der Bereich der Ausbildung, sagte Culik. Seit dem vergangenen Jahr gebe es an der Fachhochschule in Krems den Studiengang „Applied Chemistry“. Nun sei man dabei, dort einen zusätzlichen Studienzweig „Surface Technology“ zu installieren, wobei der Schwerpunkt die Entwicklung von Materialien und Rohstoffen auf biologischer Basis sei. Diesen neuen Studiengang könnte es ab Sommer 2020 geben, hofft Culik. „Wir kämpfen auch um eine Berufsschule für Lack- und Anstrichmittel-Techniker“, hier hoffe man wegen eines Standorts auf ein offenes Ohr in Niederösterreich.

~ WEB https://news.wko.at/presse ~ APA096 2019-05-27/05:30




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