Letztes Update am Mi, 29.05.2019 05:32

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Österreichische Ärztetage - Viel Humbug um „digitale Medizin“ 1



Grado (APA) - Digitale Medizin und künstliche Intelligenz sind derzeit Boom-Themen. Doch es ist viel Werbehumbug von Unternehmen und Konzernen darin versteckt. Qualitätsprobleme, Einseitigkeit von Computerentscheidungen, Hacker-Kriminalität und technische Defekte sind große Probleme. Manche Anwendungen werden aber sicher kommen, hieß es am Dienstag bei den Österreichischen Ärztetagen in Grado (bis 1. Juni).

„Vorhersagen sind sehr schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“, zitierte Michael Häfner, Gastroenterologe am Zentralkrankenhaus Bozen, Mark Twain. Hinter dem derzeitigen Hype, was Digitalisierung und künstliche Intelligenz in der Medizin betrifft, steckten derzeit zu einem Großteil aufwendige PR- und Werbekampagnen von Milliarden-Konzernen wie IBM, Google etc.

Aber, wie der Experte, der sich selbst mit der Entwicklung einer Bilderkennungs-Software für Darmpolypen bei Koloskopie-Untersuchungen beschäftigt, erklärte: „Die deutsche Techniker Krankenkasse hat bereits eine TK-Doc-App eingerichtet, über die man Kontakt zu einem Ärztezentrum per Video- oder Audio-Chat aufnehmen kann.“ In Zukunft werde wohl kein diplomiertes Krankenpflegepersonal für den Erstkontakt am Telefon oder vor dem Bildschirm sitzen, sondern ein Chatbot wird das Gespräch führen.

IBM hat mit einem auf einer Unmenge an Krankenakten und medizinischen Datenbanken beruhenden System Watson Oncology ein Befundanalyse- und Beratungssystem geschaffen, das weltweit bereits Krebsärzte in 230 Krankenhäusern bei Diagnose- und Therapieentscheidungen unterstützen soll. Doch 2017 stellte der Leiter des Krebszentrums am Reichskrankenhaus in Kopenhagen, Leif Jensen, fest: „Folgt man dem Watson-Tipp, könnte es sein, dass Menschen sterben statt zu genesen.“ Die offenbare Ursache für die Probleme, welche Jensen und sein Team aufdeckten: Watson hatte „Mist“ in den grundlegenden Datenbanken - und beriet auf der Basis teilweise schlechter Basisinformationen.

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„Ein Programm kann nur so gut sein, wie die Datengrundlage“, sagte Häfner. Das ist das sogenannte „Garbage in, garbage out“-Problem (Wo Mist drin ist, kann nur Mist herauskommen, Anm.). Für IBM besonders ungut, wie der Südtiroler Experte erklärte: „IBM wusste, dass falsche Therapieempfehlungen rausgingen.“ Das erinnere an die Boeing 737 Max-Affäre.

„Es steckt viel Marketing dahinter. Der wissenschaftliche Output ist relativ bescheiden, viel Medien-Hype, schöne Videos, relativ wenig Evidenz“, fasste Häfner den derzeitigen Status zusammen.

Ein Beispiel dafür ist wahrscheinlich auch das US-Unternehmen FDNA, das genetische Erkrankungen aufgrund von Gesichtsbild-Analysen erkennen will. In das neuronale Netzwerk des Systems wurden 500.000 Porträtbilder von 10.000 Menschen zum Teil einfach von Facebook heruntergeladen, eingespeichert und mit jenen von Kranken korreliert. Angeblich gelang es, 216 genetische Erkrankungen mit einer Genauigkeit von 90 Prozent zu erkennen.

Noch wüster klingen die Pläne von „beyondverbal“ (USA). Die Handy-App zeichnet über 24 Stunden die verbalen Äußerungen des Anwenders auf. Aus den Daten soll herausgefiltert werden, ob der Betroffene durch eine Herzkrankheit oder ein anderes Leiden gefährdet ist. Derzeit basiert das System auf 150.000 Krankenakten und einer Million Sprachaufnahmen. Bei einem verdächtigen Resultat wird auch gleich die Krankenversicherung oder der Arzt alarmiert. Dass die Benutzer dabei rund um die Uhr überwacht werden, steht auf einem anderen Blatt.




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