Letztes Update am Do, 30.05.2019 11:04

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Stadttheater Klagenfurt zeigt bildstarkes Drama von Winkler



Bildstark und sinnlich hat der deutsche Regisseur Sebastian Schug am Stadttheater Klagenfurt seine Textfassung von Josef Winklers „Lass dich heimgeigen, Vater oder Den Tod ins Herz mir schreibe“ inszeniert. Das vor zwei Jahren als Auftragswerk für das Burgtheater uraufgeführte Stück ging am Mittwoch bei eisigen Temperaturen im Stadel der legendären Künstlerklause in Maria Saal über die Bühne.

Da, wo in den 1960er-Jahren das Ehepaar Lampersberg Literaten von Peter Turrini bis Thomas Bernhard und Christine Lavant beherbergte, macht sich auch der viel zitierte Kälberstrick aus Josef Winklers Kindheit gut. Von den Dachbalken im Stadel hängt er, und Nicolaas van Diepen turnt zuckend daran herum, als er von den zwei Buben erzählt, die sich so in Kamering, dem Heimatdorf Josef Winklers, umgebracht hatten. Mit vollem Körpereinsatz bestreitet der junge Schauspieler den Abend zwischen schrillem Humor und kaltem Grauen, wirbelt im Neonlicht über die Bühne, wühlt sich durch die aufgeschüttete Erde, fällt immer wieder hin und springt auf, verwandelt sich vom um Liebe heischenden Kind zum anklagenden Sohn, der am Schweigen des Vaters fast verzweifelt.

Denn dass auf dem Gemeinschaftsfeld „Sautratten“ am Ufer der Drau, dort, wo die Bauern ihr Getreide anbauten, einst die Leiche des Nazi-Massenmörders Odilo Globocnik verscharrt worden war, hat Josef Winklers Vater nie erzählt. Hingegen redete er oft und viel vom Krieg, von Hitler, der „doppelt so viele Juden“ hätte umbringen sollen und von Mauthausen, das „sie viel zu früh zugesperrt“ hätten. Nationalsozialistisch geprägt, katholisch und patriarchal war das Kärnten des Autors in seiner Jugend. In seinem Werk arbeitet sich der heutige Büchner-Preisträger konsequent an diesen Traumata ab. Doch nicht nur um die persönliche Kindheitsbewältigung geht es Winkler mit diesem Text. Die Geschichte rund um Globocnik stellt er als zeitlos mahnendes Menetekel auf die Bühne.

„Lass dich heimgeigen, Vater“ ist kein Stück im ursprünglichen Sinn. Als furiose Anklagerede wurde es 2017 im Kasino des Burgtheaters uraufgeführt, kurz darauf erschien der Prosatext als Roman. Regisseur Sebastian Schug erstellte seine Bühnenfassung für drei Darsteller: Neben dem großartig hyperaktiven Nicolaas van Diepen beeindrucken Klaus Huhle als stumpfer, böser „Alter“ und Martina Spitzer als „Frau“ zwischen unterdrückter Wut und Fürsorge. Über ihrem Rock trägt sie ein Pistolenhalfter, immer wieder schießt sie den „Jungen“ nieder, knallt dem Publikum die Brutalität des Krieges vor die Füße. Starke Bilder wie dieses, körperbetontes Spiel und das beeindruckende Bühnenbild von Thomas Stingl im stimmigen Ambiente des Stadels lassen in den rund eineinhalb Stunden keine Monotonie aufkommen.

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Die Textzusammenstellung durch den Regisseur umfasst – anders als in der Burgtheaterfassung – auch die Geschichte der ukrainischen Zwangsarbeiterin Njetotschka, über die Josef Winkler früher bereits ein eigenes Buch geschrieben hatte. Ergänzt wurde er mit Ausschnitten aus Winklers skandalisierter Rede zum 500-Jahr-Jubiläum Klagenfurts 2018, in der er forderte, die Urne des verstorbenen Landeshauptmannes Jörg Haider in eine Gefängniszelle zu verlegen. Mit (teils musikalischen) Hinweisen auf Mexiko und Indien wurde das Bühnengeschehen zusätzlich mit der Biografie Josef Winklers verwoben.




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