Letztes Update am Fr, 31.05.2019 09:22

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Solo einer Königin: Maria Stuart bei den Wiener Festwochen



„Erinnerung, schütte dein Herz aus.“ Dieser an sich selbst gerichteten Forderung kommt die Königin nur zu gut nach. Mit „Mary Said What She Said“ hat das Trio Robert Wilson (Regie), Darryl Pinckney (Text) und Isabelle Huppert (Schauspiel) der schottischen Herrscherin Maria Stuart ein ebenso intensives wie fragiles Stück gewidmet. Bei der gestrigen Festwochen-Premiere gab es dafür großen Applaus.

Mehr als 25 Jahre ist es her, dass dieses Kreativgespann mit der Dramatisierung von Virginia Woolfs „Orlando“ für Begeisterungsstürme sorgte. Es ist keine kleine Last, die somit auf dem vor wenigen Wochen in Paris uraufgeführten Stück liegt, für das sich Pinckney in die Gedankenwelt der 1542 geborenen Königin von Schottland, die diesen Titel für kurze Zeit auch in Frankreich innehatte, einfühlte. Alte Erfolge und Erinnerungen sollte man wohl besser aus dem eigenen Geist streichen - ganz im Gegensatz zur Protagonistin.

Sie dreht dem Publikum in Wilsons wie üblich beinahe gänzlich leergeräumter Inszenierung auf der Bühne der Halle E im Museumsquartier zunächst den Rücken zu. Vor einer mächtigen, anfangs in weiß erstrahlenden Leinwand stehend, beginnt sie ihr Lamento, das weniger um Mitleid heischt, als einer Selbstvergewisserung gleichkommt. Ihr enges, beizeiten im Licht funkelndes Kleid wie eine Rüstung tragend, gibt sich diese Herrscherin selbstbewusst, stark - und doch um ehrliche Einblicke in ihr mitunter dramatisches Schicksal nicht verlegen.

Langsam wendet sich Huppert dem Publikum zu, durchschreitet in Zeitlupe den Bühnenraum, während aus den Boxen süßlich-melancholische Musik von Ludovico Einaudi tropft und dieser Erzählung, Beichte könnte man beinahe sagen, einen klanglichen Rahmen verpasst. Zwar war diese Königin „so schön, dass sie‘s nicht glauben konnten“. Doch schienen „sie“, die mal genannten, mal nur schemenhaft angedeuteten Anderen stets hinter ihrem Kopf her, der am Ende, nach einem 18-jährigen Hausarrest, verhängt von der ewigen Rivalin Elisabeth, rollen sollte.

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Mal von Wilson in kühles Blau getaucht, dann das Gesicht wieder zu einer Fratze verzerrt, springt Huppert von einem Moment zum nächsten, darf im zweiten Abschnitt des nur eineinhalbstündigen Abends zu lockeren Tanzschritten ansetzen, und nutzt doch in erster Linie ihre Stimme, um das Geschehen zu leiten. Immer wieder setzt der französische Schauspielstar zu Wiederholungen an, stürzt sich in einen Redefluss, der Staunen macht, und legt all den Zorn, den Stolz und die Enttäuschung einer Monarchin, die sich immer „als die einzig Wahre“ gesehen hat, in ihre Worte.

Als einziger Effekt dient gegen Ende ein kurzes Zwischenspiel, in dem sich Huppert hinter einer durchsichtigen Wand wiederfindet und wie in einem Aquarium von Rauch umschwemmt wird. Die Eingeschlossene, die von der Außenwelt Abgeschnittene - Maria Stuart bleibt es nur kurz, um dann doch wieder das Heft in die Hand zu nehmen. Stets sind dabei ihre vier Marys präsent, jene Begleiterinnen, die ihr ihre Mutter schon in jungen Jahren zur Seite stellte.

Am Ende ist es ein letzter Brief vor der Hinrichtung, den Pinckney leicht adaptiert eingewoben hat in dieses wortgewordene Denkmal, mit dem sich Maria nochmals von ihrer stolzen, unnachgiebigen Seite geben kann. Für sie ist gewiss: „Die letzten Worte meines Lebens werden die einer schottischen Königin sein.“ Wilson, Pinckney und allen voran Huppert werden diesem Anspruch gerecht, ohne sich mit der eigenen Arbeit messen zu müssen. „Mary Said What She Said“ mag für die heutige Zeit vielleicht nicht bahnbrechend sein. Ein beeindruckendes Erlebnis ist dieser Abend aber allemal.

Wer keine Karten mehr für den theatralen Einsatz von Isabelle Huppert ergattern konnte, der hat noch bis 12. Juni die Gelegenheit, sich die Vielseitige auf der Leinwand zu Gemüte zu führen. Im Wiener Stadtkino ist unter dem Titel „Isabelle Mon Amour“ eine filmische Retrospektive zum Oeuvre der Kinoikone angesetzt. Darunter finden sich neben jüngeren Produktionen auch Preziosen wie „Der Loulou“ (Loulou) am 6. Juni, „Die Spitzenklöpplerin“ (La dentelliere) am 7. Juni oder Claude Chabrols „Biester“ (La ceremonie).




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