Letztes Update am Sa, 01.06.2019 10:43

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gedenken an jüdischen Schriftsteller Toller in New York



Zum Gedenken an den 80. Todestag des jüdischen Schriftstellers Ernst Toller, der sich am 22. Mai 1939 im New Yorker Mayflower Hotel das Leben nahm, haben sich eine Reihe von internationalen Vortragenden aus Literatur und Film zusammengetan, um im New Yorker Hunter College drei Tage lang über deutschsprachige Exil-Künstler und Künstlerinnen in New York und den USA zu sprechen.

„‘Das schönste an der amerikanischen Flagge / sind ihre rot-weiß-roten Streifen‘, / sagte ein österreichischer Einwanderer / nach siebenunddreißig Jahren / und meinte es nicht wegwerfend - / Amerika wegwerfend - sondern im Gegenteil / dankbar, daß dieser große Kontinent / langsam die Farbe seiner Heimat annahm.“ Dieses Gedicht, vielleicht eines der schönsten des Lyrikers und Kunsthändlers Friedrich Bergammer (1909-1981), der, weil er Jude war, vor den Nazis 1938 in die USA geflüchtet war, bezeugt, dass Amerika für den Österreicher eine Art Heimat geworden war, erzählt Helga Schreckenberger, die an der Universität von Vermont unterrichtet. Sie liest auch Gedichte von Margarete Kollisch (1893-1979), Gertrude Urzidil (1898-1977) und Mimi Grossberg (1905-1997) vor: Autorinnen, die sich mit dem Verlust der Heimat auseinandersetzen, mit dem Sterben der Muttersprache, und einer auseinandergebrochenen Identität.

Mit ihrem 1943 entstandenen „Shangri-la“ kreierte Grossberg (die 1974 mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik geehrt wurde) eine imaginäre Heimat für sich und auch in ihrem Tagebuch hatte sie notiert, dass sie ihr „Shangri-la“, ihr Paradies, gefunden hatte. Sie schrieb dazu: „... I found it right here, in New York, in the busiest, noisiest, most inciting city of the world.“ Grossberg meinte damit ihre Wohngegend in Washington Heights und das Cloisters in New York.

Amerika war das Land, in das viele verfolgte Menschen ihre Hoffnungen legten. Ein Beispiel gibt der deutsche Historiker Frank Stern von der Universität Wien. Marta Eggerth, die österreichisch-ungarische Operettensängerin, die 1938 mit ihrem Mann, dem polnischen Tenor Jan Kiepura, von Wien nach New York auswanderte, war es gewohnt der Star zu sein. Die Sängerin sagte später der „New York Times“, dass sie die Traumfabrik gehasst habe: „Ich war es gewohnt, Hauptrollen zu spielen, und in Hollywood gab man mir Nebenrollen“ - beide an der Seite von Judy Garland. Dennoch hatte sie später eine fulminante Karriere am Broadway und sang jahrzehntelang Franz Lehars „Die lustige Witwe“.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Jemand, der nicht nur, aber auch am Exil zerbrach, und sich im Alter von nur 45 Jahren das Leben nahm, war jener Schriftsteller, der dieser Tagung ihren Namen gab: „Remembering Ernst Toller (1893-1939): Exiles and Refugees between Europe and the US“. Toller zählte in den 1920er Jahren zu den bekanntesten deutschen Bühnenautoren - bekannter noch als Bertolt Brecht. Er ist vor allem als Autor von Stücken wie dem expressionistischen Drama „Masse Mensch“, dem Kriegsheimkehrerstück „Hinkemann“, sowie die Autobiografie „Eine Jugend in Deutschland“ bekannt. Was er darüber hinaus geschaffen hat, ist weitgehend in Vergessenheit geraten, weshalb sich anlässlich seines 80. Todestages „Text +Kritik“ seinem Oeuvre widmet, das in enger Verbindung zu Politik und Massenmedien steht.

Sein Erfolg als Autor nahm mit dem Umzug in die USA dramatisch ab, erzählt Veronika Schuchter von der Universität Innsbruck. Obwohl Toller von den USA zunächst „sehr eingenommen“ war, ließ es ihn, der von einer neuen, gerechteren Gesellschaft träumte, desillusioniert zurück. Schuchter hat seine Briefe zwischen 1933 und 1939 aus dem Exil analysiert, in denen er sich dazu äußert, dass er „sich zunehmend vor den Kopf gestoßen von den USA fühlt, auch weil sein Ruf als Sozialist ihm Skepsis entgegenbrachte.“

Den Todesstoß versetzten dem amerikanischen Sozialismus die beiden „Roten Ängste“, als sich die Angst vor dem Kommunismus zur Massenhysterie steigerte. Nach der bolschewistischen Revolution, 1917 bis 1920, und dann verstärkt in den 1950er-Jahren unter Präsident McCarthy, wurden echte und vermeintliche Kommunisten vertrieben. Bertolt Brecht war einer von vielen, die vor dem Faschismus in die USA geflohen waren, und dann dort vor dem „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ verhört wurden. Einen Tag später reiste er ab.

Gegenüber Intellektuellen war man misstrauisch. „Ich denke, wir haben einem neuen Höhepunkt erreicht“, sagt Rachel Blumenthal von der Universität in Jerusalem über den aktuellen Anti-Intellektualismus in den USA. Es war im vergangenen Juni als Donald Trump, der mit Entscheidungen von Mauerbau bis Einwanderungsstopp polarisiert, über „die Elite“ sprach und sich ihr gegenüber als überlegen erklärte.

Die Geschichten aus dem Exil, das zeigt diese Tagung, sind so verschieden wie die Exilanten, die sie erzählten, und ihre Echos hallen bis in die Gegenwart nach. Das letzte Wort überlässt Veronika Schuchter in ihrem Vortrag schließlich Toller selbst: „Wir dürfen, auch wenn wir im Exil leben, nicht schweigen“.




Kommentieren