Letztes Update am So, 02.06.2019 14:55

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kapitän nach Schiffsunglück unter schwerem Verdacht



Vier Tage nach dem Unglück auf der Donau mit wahrscheinlich 28 Toten ist der Kapitän des Flusskreuzfahrtschiffs „Viking Sigyn“ für einen 30-Tage-Zeitraum verhaftet worden. Ein Gericht in Budapest folgte einem Antrag der Staatsanwaltschaft mit der Begründung, der 64-jährige Ukrainer habe die Flussschifffahrt gefährdet. Dies würden Protokolle und Videoaufnahmen belegen.

Die technisch schwierige Suche nach den 21 vermissten Opfern blieb auch am Wochenende ohne Ergebnis. Zu dem Unglück in Budapest war es am Mittwochabend gekommen, als das kleine Ausflugsschiff „Hableany“ („Nixe“) mit dem wesentlich größeren Flusskreuzfahrtschiff „Viking Sigyn“ zusammenstieß.

Der Verdacht gegen den Kapitän begründe sich darauf, dass die Besatzung der „Sigyn“ laut den Schifffahrtsbestimmungen den Funkkontakt zum Ausflugsdampfer hätte aufnehmen müssen, da dieser vor dem Kreuzfahrtschiff fuhr. Demnach müsse das hintere dem vorderen bzw. parallel fahrenden Schiff ein geplantes Überholmanöver ankündigen, ebenso, auf welcher Seite dies erfolgen soll.

Die Daten des elektronischen Navigationssystems des Hotelschiffes und die im Steuerhaus gesicherte Tonaufnahme würden beweisen, dass der Kapitän nicht einmal den Versuch einer Kontaktaufnahme unternommen hätte. Die „Sigy“ hätte auch nicht die Sirene betätigt, um andere, in der Nähe fahrende Schiffe zu warnen. Der Kapitän habe sich, statt zu helfen, mit seinem Schiff 500 Meter vom Unfallort entfernt und Anker geworfen. Die Polizei sei erst zehn Minuten nach dem Zusammenstoß vom Passagier eines anderen Ausflugsdampfers informiert worden. Die Rettung wiederum hätten die Besatzungen und Passagiere anderer Ausflugsdampfer begonnen.

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Die Behörden befürchten Fluchtgefahr, da der Mann Ausländer sei und über sehr gute Ortskenntnisse verfüge. Der Rechtsanwalt des Kapitäns hatte gegen die Anschuldigungen Einspruch eingelegt - mit der Begründung, dass es noch keinerlei technisches Gutachten zum Unglück gebe.

Die Suche nach den 21 Vermissten sollte auf eine Strecke bis zu 50 Kilometer flussabwärts ausgedehnt werden. Ungarn arbeitet auch mit Serbien zusammen, weil nicht ausgeschlossen werde, dass Leichen bis in das Nachbarland treiben könnten. Da es sich bei den meisten Opfern um südkoreanische Touristen handelte, unterstützen Spezialisten von Marine und nationaler Feuerwehr aus Südkorea die Suchaktion.

Möglicherweise sind im untergegangenen Schiff noch Leichen, vermuteten die Behörden. Den Tauchern sei es wegen der starken Strömung und des steigenden Wasserstands unmöglich, sich dem Wrack zu nähern, berichtete das ungarische Nachrichtenportal „index.hu“ unter Berufung auf die Behörden.

Theoretisch würde es mindestens fünf Tage dauern, bis der Wasserstand so weit sinkt, dass ein Zugang zum Wrack möglich wäre, hieß es. Derzeit führt die Donau am Unglücksort Wasser in Höhe von etwa 5,3 Metern, normal wären vier Meter. Auch ein Herausheben des Wracks aus dem Wasser sei derzeit technisch nicht zu machen, teilte das Innenministerium in Budapest mit.

„Der Hochwasserhöhepunkt ist überschritten, aber die Sicht ist weiterhin sehr schlecht“, sagte Gerald Haider, Leiter des Stabs der Direktion für Spezialeinheiten im Innenministerium (DSE), im APA-Gespräch. Die österreichischen Einsatzkräfte leisten technische Unterstützung. Mittels Sonargeräten werde der Donauboden gescannt, um festzustellen, wo und wie das Wrack liegt. Unterwasserdrohnen kamen bis Sonntagmittag nicht zum Einsatz. Aufgrund der schlechten Sichtverhältnisse hätte dies vermutlich auch wenig Sinn, meinte Haider. Die drei österreichischen Teams mit insgesamt zehn Einsatztauchern des Einsatzkommandos Cobra wurden auf Bitten der Ungarn vom österreichischen Innenministerium nach Budapest entsandt.




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