Letztes Update am So, 02.06.2019 18:03

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Hat Bloggerin jüdische Familiengeschichte erfunden?



Ein „Spiegel“-Bericht über eine preisgekrönte Bloggerin, die für sich selbst eine jüdische Familiengeschichte erfunden haben soll, hat am Wochenende für Aufregung gesorgt. Marie Sophie Hingst soll sowohl in ihrem Blog „Read on my dear, read on“ als auch dem Archiv der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gegenüber falsche Angaben über ihre Abstammung gemacht haben.

Die in Irland lebende deutsche Historikerin war zur „Bloggerin des Jahres“ 2017 gekürt worden. Das Team hinter dem Preis „Goldene Blogger“ teilte auf Twitter mit, man habe die Preisträgerin um Stellungnahme gebeten und berate über eine Reaktion auf die Vorwürfe. Ein Sprecher von Yad Vashem sagte am Sonntag, man untersuche den Fall.

Über einen Anwalt ließ die 31 Jahre alte Hingst dem „Spiegel“ zufolge mitteilen, dass die Texte ihres Blogs, der am Wochenende nicht mehr erreichbar war, „ein erhebliches Maß an künstlerischer Freiheit für sich in Anspruch“ nähmen. Es handele sich um Literatur, nicht um Journalismus oder Geschichtsschreibung, zitiert der „Spiegel“ die Stellungnahme weiter. Auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur äußerten sich Hingst und ihr Anwalt inhaltlich nicht. Hingst wolle den „Spiegel“-Bericht zunächst näher prüfen.

Nach „Spiegel“-Recherchen hat Hingst in Wirklichkeit keine nähere jüdische Verwandtschaft - obwohl sie in ihrem Blog und auch in Vorträgen immer wieder davon berichtet hatte. Außerdem habe sie bei der Gedenkstätte Yad Vashem mit dem Einreichen von sogenannten Gedenk- oder Opferbögen zu 22 angeblichen Verwandten den Eindruck erweckt, große Teile ihrer Familie seien im Holocaust umgekommen. Tatsächlich stammt sie aus einer evangelischen Familie, wie der „Spiegel“ nach Recherchen im Stadtarchiv von Stralsund schreibt.

Ihr Großvater soll nicht wie von ihr behauptet Häftling im Vernichtungslager Auschwitz gewesen sein, sondern evangelischer Pfarrer. Von weiteren angeblich jüdischen Familienmitgliedern fanden sich demnach gar keine Spuren. Dem „Spiegel“ zufolge hat der Oberbürgermeister Stralsunds bereits das Auswärtige Amt auf die Darstellungen in den Opferbögen hingewiesen und darum gebeten, die Gedenkstätte Yad Vashem offiziell zu informieren.




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