Letztes Update am Mo, 03.06.2019 12:27

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Phil Collins (a)live: Überhaupt noch gar nicht tot...



Phil Collins macht aus der Not eine Tugend, und das mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie: Der körperlich gezeichnete 68-Jährige betitelt seine aktuelle Tour mit „Still Not Dead Yet“ („Immer noch nicht tot“) - und trat am Sonntagabend vor 40.000 Fans im Wiener Happel-Stadion den Wahrheitsbeweis an, dass er auch künstlerisch noch recht lebendig ist.

Natürlich: Der 68-jährige Brite betrat die Riesenbühne mit Gehstock, näherte sich langsam und vorsichtig seinem Komfort-Sessel in der Mitte, in dem er den überwiegenden Teil des Konzertes sitzend absolvierte. Als Intro gab es Hinweise auf eine Rücken-OP und die Beine, die nicht mehr so richtig wollen; und dass er wegen Problemen mit den Händen auch nicht mehr Schlagzeug spielen kann (was in der Liveband sein 18-jähriger Sohn Nicholas übernimmt, und zwar ziemlich überzeugend). Aber dann ein kurzes „Let‘s start“ und als Opener wie eine trotzige Ansage: „Against All Odds“ („Allen Widrigkeiten zum Trotz“).

Was die Sache auch nicht erleichtert: Collins war seine gesamte Karriere lang sicher ein spektakulärer Drummer, sicher aber kein ebensolcher Live-Sänger. Doch bis auf einige Schwächen am Beginn meistert er diese neue „Solo“-Rolle tatsächlich mit Anstand. Mit der Konzentration auf die Vocals gewinnt die Nuancierung der Gesangsparts sogar.

Was die Sache glücklicherweise dagegen sehr erleichtert: Der Brite hat eine sensationelle Tour-Band um sich versammelt. Leadgitarrist Daryl Stuermer, Bassist Leland Sklar und Percussionist Luis Conte sind herausragende Könner ihres Fachs und spielen seit Jahren und Jahrzehnten mit Collins, Rhythmusgitarrist Ronnie Caryl überhaupt schon seit 50 Jahren. Und dann ist da noch die messerscharfe Bläsersektion der „Vine Street-Horns“ sowie nicht zuletzt ein akustisch und optisch überzeugendes Background Vocals-Quartett. All diese Herrschaften machen tatsächlich gehörig Druck und würden weit größere Schwächen eines Stars im wahren Sinn des Wortes überspielen.

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Um das Programm muss man sich als Phil Collins ja ohnedies keine Gedanken machen, aus Solozeiten und der Genesis-Ära stehen mehr als ausreichend Hits für einen Abend zu Verfügung, von „Another Day in Paradise“ über „Follow You Follow Me“ bis hin zu „I‘m Sorry“, das von einem sicher über zehnminütigen Percussion-Duett von Nicholas Collins und Luis Conte eingeleitet wurde, zu dem sich Phil himself an einer Cajon dazugesellte. Sehr gefühlvoll ging es dagegen beim Duett von Collins mit Backgroundsängerin Bridgette Bryans („Seperate Lives“) zu, ebenso bei „You Know What I Mean“, das Collins mit Piano-Begleitung durch Nicholas sang.

Darauf folgte eine bombastische Version von „In The Air Tonight“ (der einzige Song, den Colling stehend interpretierte, getaucht in ein ziemlich gespenstisches Licht), ehe „You Can‘t Hurry Love“ das Vollgas-Finale mit „Sussudio“ als Höhepunkt einläutete. Einzige Zugabe: „Take Me Home“. Aber die Fans waren sichtlich zufrieden - und es wäre Phil Collins ja auch kaum zuzumuten, dass er sich drei-/viermal am Gehstock zwischen Bühne und Backstage herumschleppen müsste.

Fazit: Phil Collins ist ganz sicher noch nicht tot - weder tatsächlich, noch künstlerisch. Früher stand das „dr“ bei seinem Namen eben für „drums“, heute für „Doktor“: Denn der Brite hat ja kürzlich von der Grazer Kunstuni ein Ehrendoktorat verliehen bekommen.




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