Letztes Update am Di, 04.06.2019 12:30

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Festwochen: De Keersmaekers fabelhaftes Orchester der Körper



Bei ihrem lebenslangen Übersetzungsprozess von Musik in Körper ist Anne Teresa de Keersmaeker wieder bei Johann Sebastian Bach gelandet. Gottlob. Am Montag feierte im Theater an der Wien die jüngste und wahrscheinlich freudvollste Auseinandersetzung der belgischen Choreografin mit ihrem großen barocken Mentor Festwochen-Premiere: „Die sechs Brandenburgischen Konzerte“.

Uraufgeführt im vergangenen Herbst an der Berliner Volksbühne, kehrt de Keersmaeker mit der neuen Kreation in gewisser Weise zurück zum Erfolgsrezept früher Arbeiten, etwa der „Großen Fuge“ zu Musik Beethovens aus den frühen 90er-Jahren. Sie stellt mit einem großen Ensemble Korrespondenzen her zwischen Tänzern und Instrumenten, findet genaue Entsprechungen zwischen der Bewegung im Raum und den Linien der Komposition und macht so die Musik in ihrer ganzen Architektur sichtbar. Wo aber jüngere Arbeiten - etwa die Cello-Suiten, die im Vorjahr in Wien zu Gast waren - auf den konzentrierten Ernst stark abstrahierter geometrischer Formeln setzten, steht in diesen Brandenburgischen wieder jene verspielte Freude an der Körperlichkeit im Vordergrund, die de Keersmaekers wichtigste Choreografien zu Ikonen der Musikvermittlung macht.

16 Tänzer und Tänzerinnen - ein Orchester der Körper - in schwarzen Anzügen geht leger, cool, auf das Publikum zu, vorwärts und rückwärts, hält ein wenig inne, kommt ins Schlendern, wenn ein Ritardando in der Basslinie es erfordert, tanzt im ersten Konzert nur durch das Gehen, 16 frappante Individualitäten im Gleichschritt, eine Aufforderung, eine Eingewöhnung. Über die sechs Konzerte nehmen dann die Soli zu, drängen sich einzelne Instrumente des B‘Rock Orchestra unter Violinistin Amandine Beyer nach vorn und einzelne Tänzerpersönlichkeiten, kleine Gruppen, lösen sich aus dem Ensemble. Virtuos, euphorisch, verzweifelt. De Keersmaekers Compagnie Rosas ist ein Phänomen: Zumindest drei Generationen von Tänzern, darunter Veteraninnen wie Cynthia Loemij und Samatha van Wissen, stehen gemeinsam auf der Bühne. Strotzend vor Charakter, geeint aber in einem unverkennbaren de Keersmaeker‘schen Bewegungsvokabular, das gleichsam in die Muskulatur eingeschrieben scheint.

Musiziert wird auf Originalklanginstrumenten in hoher Qualität, stehend im Graben. Wunderbare Soli, etwa an der Traversflöte oder am Cembalo gehen mit den ihnen zugeordneten Tänzern hinreißende Liebesbeziehungen ein und erleuchten sich gegenseitig in schillernden Farben. Bachs Brandenburgische stünden für Vitalität und Lebendigkeit, wird die Choreografin, die sich in Anschluss auf der Bühne bejubeln ließ, im Programmheft zitiert. Seine Musik erscheine wie ein „zarter Vorgeschmack auf die Unendlichkeit, in die wir für kurze Zeit hineinhorchen dürfen.“ So demütig sie ihren Zugang zur Musik anlegt - die Begegnung findet doch stets auf Augenhöhe statt. Neben zahllosen großen Pianisten, Dirigenten und Streichern stellt sich de Keersmaeker mit dem Instrument der Körper ganz selbstverständlich in die Reihe der großen Bach-Interpreten. Sehr langer Applaus.




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