Letztes Update am Mi, 05.06.2019 12:55

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Mensch und Tier, auf Leben und Tod: Kiki Smith im Belvedere



„Hätte mich in den vergangenen 25 Jahren jemand mitten in der Nacht aufgeweckt und gefragt, mit wem ich am liebsten eine Ausstellung machen würde, hätte ich gesagt: Kiki Smith.“ Nun ist der lang gehegte Wunsch von Belvedere-Generaldirektorin Stella Rollig wahr geworden: Am morgigen Donnerstagabend eröffnet mit „Procession“ im Unteren Belvedere eine gewaltige Werkschau der 65-jährigen Amerikanerin.

Mensch und Tier, Kultur und Natur, Schönheit und Vergänglichkeit: Kiki Smith hat seit ihren Anfängen in den 1980er-Jahren ebenso viele Themen wie unterschiedliche Materialien aufgegriffen. Kuratorin Petra Giloy-Hirtz hat die Skulpturen, Tapisserien und großformatigen Arbeiten auf Papier in den barocken Räumlichkeiten thematisch geschickt in Szene gesetzt. Trotz der Fülle von rund 90 Arbeiten gelingt es, einzelnen Werken Raum zu geben, um ihren verstörenden Sog voll zu entwickeln.

Die Ausstellung, die bereits im Haus der Kunst in München und im Sara Hilden Museum in Tampere (Finnland) zu sehen war, geht auf eine Initiative des kürzlich verstorbenen Museumsdirektors und Ex-documenta-Leiters Okwui Enwezor zurück, dem Rollig die Ausstellung in Wien nun widmete. Für die nunmehrige Schau sei es gelungen, zahlreiche weitere Werke zu integrieren, so die Belvedere-Chefin im Rahmen der Presseführung. Als „ikonische Arbeit“ bezeichnete sie etwa jene silber beschlagenen Glasgefäße gleich zu Beginn der Ausstellung, die mit in den 1980er-Jahren aufgrund der AIDS-Krise als „toxisch“ bezeichneten Körperflüssigkeiten - Blut, Sperma, Speichel - befüllt sind. Es ist nur ein Beispiel für die in allen Werken spürbare Spannung zwischen Schönheit und Abgründigkeit.

„Spirituelles und Profanes verschmilzt“, konstatierte auch die Kuratorin, die besonders die sich durch das Werk ziehende Beschäftigung mit dem Körper und die oft mythische Interpretation der Tierwelt hervorhob. „Kiki Smith kehrt den Körper von innen nach außen“, so Giloy-Hirtz. Damit meint sie etwa die Serie an Organen wie den Darm, die Gebärmutter oder den Magen, die Kiki Smith mit unterschiedlichsten Materialien - von Glas über Bronze bis Messing - in den Mittelpunkt rückt. Aber auch einzelne Körperteile wie Hände, Füße oder Köpfe begegnen den Besuchern der Ausstellung, ebenso wie von Wölfen und Rehen geborene Menschen, die in voller Größe aus dem Unterleib der Tiere treten. Der Verlust von Lebensraum für Wildtiere, der Einsatz von Gift in der Landwirtschaft - all das findet sich im hinteren Teil der Ausstellung, in dem etwa die mehrteilige Arbeit „Untitled (Crows)“ mit auf dem Boden verteilten toten Vögeln oder Tapisserien wie „Fortune“ zu sehen sind, das ein Reh im Feld zeigt.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Zuletzt war Kiki Smiths Arbeit derart umfassend Anfang der 1990er-Jahre im MAK zu sehen, Bezugspunkte zu Wien hat die Künstlerin dennoch, wie sie erzählte: So habe sie etwa das Naturhistorische Museum besucht, um die dort ausgestellten Tiere für ihre künstlerischen Arbeiten zu studieren. Für Stella Rollig war es keine Frage, die Ausstellung im Unteren Belvedere - und nicht im Belvedere 21 - zu zeigen. „Das war kuratorische Intuition“, sagte Rollig gegenüber der APA und hob die „konkrete historische Dimension“ hervor, in der Smith ihr Werk schaffe. Allein das barocke Präsentieren der Körper passe perfekt in die Räumlichkeiten, die zudem durch ihre Aufteilung jene „Procession“ ermöglichen, die dem Ausstellungstitel eingeschrieben ist.

)




Kommentieren