Letztes Update am Do, 06.06.2019 13:04

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Sean Scullys Kinderbilder in der Albertina



Eigentlich ist Sean Scully bekannt für seine geometrischen Arbeiten, kontrastierende Linien, oftmals von Grau dominiert. Die Wiener Albertina zeigt ab Freitag jedoch eine neue Seite des Malers, eine radikale Hinwendung zu familiärer Intimität, ein scheinbarer Bruch im Stil des gebürtigen Iren, der jedoch als parallele Entwicklung, als Ausweitung der grammatikalischen Mittel zu verstehen ist.

„Eleuthera“ lautet der Titel der Werkserie, in der der 73-jährige Scully seinen 8-jährigen Sohn Oisin am Strand porträtiert. Die Geometrie ist hier passe, die Figuration steht bei aller archetypischen Stilisierung des immer gleichen Grundmotivs im Vordergrund. Große Flächen in wildem Strich skizzieren ein Kind als allgemeingültige Metapher, eine breite, bunte Farbskala ersetzt das sonst von Scully gewohnte Grau.

Der künstlerische Funke zu den 2015 bis 2017 entstandenen Arbeiten sei ihm während des Urlaubs auf der Karibikinsel Eleuthera mit seinem zweitgeborenen Sohn Oisin gekommen, erzählte Scully am Donnerstag bei der Präsentation der Schau. Sein älterer Sohn verunglückte in den 1980ern tödlich, was die Farbskala des Vaters in das heute für ihn charakteristische Grau verschob. „Man ist Mitglied in einem Club, in dem niemand sein möchte. Und aus dem man nie austreten kann“, erinnerte sich der heute 73-Jährige an den Bruch in seinem Werk.

Ganz anders gestaltet sich da die dezidierte Hinwendung zur radikalen Intimität, zur Privatheit, die „Eleuthera“ ausstrahlt. Er habe sich in seinem Atelier in Manhattan Fotos betrachtet, die er von Oisin geschossen hatte und habe gleichsam instinktiv zum Pinsel gegriffen, erinnerte sich der Maler. „Ich war damals betrunken, was nur selten der Fall ist“, so Scully verschmitzt: „Iren trinken nicht.“ Angst vor der Preisgabe von Persönlichem habe er dabei nicht empfunden: „Ich habe kein Privatleben mehr. Allenfalls wenn ich am Klo sitze.“

Als Ergebnis stehen bunte, farbmächtige Gemälde, in denen das Gesicht des Buben nur angedeutet oder gleich verdeckt ist, er so zum Archetypus des ewigen Kindes wird. Die Kreise, die der Kleine am Strand um sich zog, finden sich als Figur auch in den meisten Gemälden, die Farben sind vom konkreten Seheindruck abstrahiert.

Ungeachtet der scheinbaren Wende im Oeuvre Scullys handle es sich hier nicht um einen dezidierten Bruch, sondern eine Parallelentwicklung, betonte Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder: „Die Frage ist: Was ist der angemessene Stil für ein Sujet? Und Sean Scully kann sich seinem Sohn, diesem spielenden Knaben, der sich seine eigene Welt baut, nicht mit Geometrie nähern.“ Abseits dieses Faktors finde man aber alles, was man von Scully kenne, auch in „Eleuthera“ wieder: „Sean Scully hat immer alles zur Verfügung.“

Die offensichtliche Zuneigung besteht dabei auch auf der Gegenseite, hatte der Weltmaler Scully am Ende der Präsentation doch noch eine Überraschung für Schröder und sein Haus parat. „Ich werde eines der Gemälde der Albertina schenken. Es soll als Schatten der Ausstellung hier verbleiben“, so der Künstler. „Ich werde die Bilder niemals und unter keinen Umständen je verkaufen.“ Er werde doch seinen Sohn nicht zur Auktion freigeben. Aber eines von zwei recht ähnlichen Sujets wolle er dem ihm so verbundenen Haus überlassen.




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