Letztes Update am Do, 06.06.2019 14:07

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Prozess nach Tod eines Babys gegen Vater in Wiener Neustadt



Nach dem Tod seines vier Monate alten Babys ist ein 20-Jähriger am Donnerstag in Wiener Neustadt vor Gericht gestanden. Der Vater soll den Säugling Ende Oktober 2018 in seiner Wohnung in Neunkirchen geschüttelt haben, der Bub starb rund zwei Wochen später im Spital. Der Angeklagte bestritt den Vorwurf der Körperverletzung mit tödlichem Ausgang.

Das Baby hatte in der Nacht auf den 30. Oktober des Vorjahres zum ersten Mal alleine bei seinem Vater in dessen Wohnung geschlafen. Die Mutter des Babys soll den 20-Jährigen dazu gedrängt haben, weil sie einmal eine Nacht durchschlafen wollte, sagte die Staatsanwältin. Der Beschuldigte soll seinen Sohn laut Anklage mit beiden Armen vor sich in die Luft gehalten und mehrfach schnell vor und zurück bewegt haben. Das Opfer erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma mit Blutung in die Schädelhöhle und Blutungen im Gehirn mit wässriger Hirnschwellung. Das Baby wurde ins Krankenhaus gebracht. Trotz intensivmedizinischer Behandlung starb der Bub am 14. November an den Folgen einer Atem- und Hirnlähmung.

Eine Obduktion ergab Hinweise auf Fremdverschulden. Der teilweise einschlägig vorbestrafte Vater - er ist österreichischer Staatsbürger - wurde in Folge festgenommen und in die Justizanstalt Wiener Neustadt eingeliefert, er befindet sich seither in U-Haft.

Der Angeklagte sei im strafrechtlichen Sinne „massiv einschlägig vorbelastet“, betonte die Staatsanwältin im Eröffnungsvortrag. Er wollte demnach zuerst, dass die Mutter abtreibt, habe sich aber nach der Geburt darum bemüht, sich um das Kind zu kümmern. Er sei anfangs zwar nur für wenige Minuten, aber doch immer wieder mit dem Baby alleine gewesen und sei später auch mit dem Buben spazieren gegangen. Der junge Mann hat laut Staatsanwältin „massive Aggressionsprobleme“ gehabt, er soll mit der Vaterrolle „überfordert“ gewesen sein, Gegenstände und Möbel durch die Wohnung geschleudert und sich selbst in den Oberschenkel geschnitten haben.

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Zudem soll der Beschuldigte den gemeinsamen Sohn laut der Mutter zu grob angefasst und insbesondere den Kopf nicht genug gestützt haben. Weiters will sie Verletzungen wie Hämatome am Körper des Säuglings entdeckt und Fotos davon gemacht haben. Der 20-Jährige soll ihren Angaben zufolge unmittelbar nach dem Eintreffen in ihrer Wohnung hysterisch geschrien haben, dass er in den „Häfn“ gehe. Bisher hat der Beschuldigte laut Staatsanwältin „widersprüchliche Varianten von Geschichten“ präsentiert.

Sowohl der Angeklagte als auch die Mutter „sind selbst noch Kinder“, sagte Verteidiger Wolfgang Blaschitz. Die beiden stammen aus „vollkommen desaströsen Verhältnissen“ und haben sich in einer betreuten Einrichtung befunden, meinte er. Der junge Mann habe sich mit seiner Rolle angefreundet und sei im Rahmen seiner Möglichkeiten „ein entsprechend liebevoller und fürsorglicher Kindesvater“ gewesen, sagte der Rechtsanwalt. Sein Mandant wollte dem Baby ein Fläschchen gegeben, das habe aber nicht funktioniert.

Weil vereinbart gewesen sei, dass er bei Problemen die Kindesmutter aufsuchen kann, habe er sich auf den Weg zu ihr gemacht. Dabei habe er bemerkt, „dass die Körperspannung des Babys nachlässt und ist in Panik verfallen“. Der Beschuldigte habe das Kind „geschüttelt, um es aufzuwecken“. Einen Vorsatz, den Säugling zu verletzen, habe der junge Mann „nicht einmal ansatzweise gehabt“. „Gestraft ist er genug, er hat als junger Vater seinen Sohn verloren“, meinte der Verteidiger. Sein Mandant gebe sich moralisch die Schuld, aber „Moral und Recht sind zwei verschiedene Dinge“, sagte Blaschitz.

Die Kindesmutter sei „schwerst traumatisiert“ und nicht in der Lage, über den Tod ihres Babys zu sprechen, sagte die Privatbeteiligten-Vertreterin. Sie machte für die Frau 20.000 Euro an Schmerzensgeld geltend.

Der Angeklagte selbst bestritt, seinen Sohn geschüttelt zu haben. Er habe das Baby „wachzurütteln versucht“ und dabei den Kopf gestützt, erklärte der 20-Jährige in seiner Befragung. Das Hämatom am Kopf des Babys sei durch den Kreuz-Anhänger einer Kette, die der junge Mann seinen Angaben zufolge trug, entstanden.

Am Abend des 29. Oktober 2018 habe die Kindesmutter ihn dazu gedrängt, dass der Säugling bei ihm übernachtet, „das wollte ich eigentlich nicht“, sagte der Beschuldigte. „Sie wollte unbedingt, dass ich ihn mitnehme, dass sie Ruhe hat und ausschlafen kann.“ Weil das Baby das Fläschchen nicht trinken wollte, sei er mit seinem Sohn im Kinderwagen zur rund 15 Minuten entfernten Wohnung der Kindsmutter gegangen. Dort angekommen, „habe ich gesehen, dass etwas nicht passt, er hat einen anderen Hautton gehabt“. Mit dem Baby in einer Hand sei er die Stiegen hinaufgelaufen.

„Ich war voll panisch“, berichtete der 20-Jährige. Er habe den Säugling auf das Bett und dann auf den Boden gelegt und „wachzurütteln versucht“, aber nicht geschüttelt. Dann habe er die Rettung gerufen - das Gespräch übernahm die Kindsmutter - und auf telefonische Anweisung mit einer Herzmassage begonnen. Dabei könnten die Verletzungen entstanden sein, meinte der 20-Jährige: „Ich hab mich am Anfang ziemlich blöd angestellt.“ Schließlich habe die Kindsmutter die Reanimation übernommen.

Weiters gab der Angeklagte an, er habe sich möglicherweise in seiner Wohnung unabsichtlich im Schlaf auf seinen Sohn gelegt. Die Kette mit dem Kreuz-Anhänger habe er inzwischen weggeschmissen.

Die Eltern des Babys hatten sich laut Angaben des 20-Jährigen in einem SOS-Kinderdorf kennengelernt und befanden sich später in betreutem Wohnen. Bei der Nachricht von der Schwangerschaft habe er „leichte Überforderung“ verspürt. „Uff, das ist jetzt ein neues Kapitel in meinem Leben“, schilderte der Angeklagte seine damaligen Gedanken. „Ich habe es als Geschenk gesehen.“ Zunächst sei er mit der Betreuung des Babys überfordert gewesen, aber „es ging, es ist immer besser geworden“. Drei Betreuer der jungen Eltern bzw. des Babys berichteten von einem „liebevollen“ und „normalen“ Umgang des 20-Jährigen mit seinem Sohn.

Die Mutter des verstorbenen Babys berichtete in ihrer kontradiktorischen Einvernahme von Aggressionsproblemen des Angeklagten. „Er war immer sehr leicht zu reizen“, sagte die junge Frau im Video, das im Prozess in Wiener Neustadt gezeigt wurde. Die Staatsanwältin forderte eine strenge Strafe, der Verteidiger ersuchte um einen Freispruch oder eine Verurteilung wegen eines Fahrlässigkeitsdelikts.

Der Beschuldigte war nach Angaben der Zeugin mehrere Male mit dem Kleinen alleine unterwegs, dabei hatte sie „ein ungutes Gefühl“. Zum Umgang mit dem Sohn meinte sie: „Ich habe gesehen, dass er ihn nicht immer gescheit gehalten hat und nicht immer vorsichtig mit ihm umgegangen ist.“ Die Mutter hatte blaue Flecken am Körper das Babys - im September 2018 am Hals und danach am Unterschenkel, an der Achsel und am Kinn - bemerkt und fotografiert, weil sie am 30. Oktober zum Arzt gehen wollte. Die junge Frau hatte den 20-Jährigen jedes Mal zur Rede gestellt. Dabei habe der Angeklagte einmal gemeint, das sei vom Schnuller, ein anderes Mal soll er „Flugzeug“ mit dem Baby gespielt haben.

Die Mutter hatte den 20-Jährigen am 29. Oktober 2018 dazu gedrängt, das gemeinsame Kind mitzunehmen. Am 30. Oktober in der Früh habe er Sturm geläutet und sei mit dem Baby in einer Hand die Stiegen hinaufgelaufen. „Er hat geschrien, er geht in den Häfn“, sagte die Frau. Ihr Sohn „war komplett blau“, „er hat sich nicht bewegt und nicht mehr geatmet“, schilderte sie unter Tränen.

Der Säugling wurde laut Gutachter Wolfgang Denk in einem „tief komatösen Zustand“ ins Krankenhaus transportiert. Der Bub erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma mit Blutung in die Schädelhöhle und ins Gehirn, das zu einer Atem-Hirn-Lähmung führte. Dabei handle es sich um Verletzungen, die durch Vor- und Zurückbewegen eines Babys mit den Händen entstehen, aber nicht durch eine Herzmassage im Zuge einer Reanimation. „Ein Schütteln eines wenige Monate alten Kindes ist jedenfalls eine potenziell lebensgefährliche Handlung“, betonte der gerichtsmedizinische Sachverständige. Ein plötzlicher Kindstod sei im gegenständlichen Fall „im höchsten Grade unwahrscheinlich“. „Der Zustand des Kindes war von Anfang an als aussichtslos zu beurteilen“, führte Denk aus. Das Anfang Juli 2018 geborene Baby starb am 14. November.

Die Staatsanwältin bezeichnete im Schlussvortrag die Verantwortung des Beschuldigten als „bloße Schutzbehauptung“. Die Schilderungen des Angeklagten seien „in sich widersprüchlich und gänzlich lebensfremd“ sowie mit den Beweisergebnissen nicht in Einklang zu bringen. Der 20-Jährige habe in den Einvernahmen „jedes Mal eine andere Geschichte präsentiert“. Die Staatsanwältin beantragte eine „strenge Bestrafung“. Einer „Latte an Erschwerungsgründen“ stehe ein einziger Milderungsgrund gegenüber. Der Verteidiger sah keine Hinweise auf einen Vorsatz seines Mandanten und brachte ein mögliches grob fahrlässiges Verhalten des 20-Jährigen ins Spiel.




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