Letztes Update am Do, 06.06.2019 14:08

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Neuer Burgtheater-Direktor Kusej stellt ersten Spielplan vor



Mit „Die Bakchen“ des Euripides in einer Inszenierung des für seine eindrucksvollen Neuinterpretationen des Maschinentheaters zweimal Nestroy-Preis-gekrönten deutschen Regisseurs Ulrich Rasche eröffnet Martin Kusej am 12. September seine Direktion am Burgtheater. Auf dem am Mittwoch vorgestellten Spielplan 2019/20 finden sich einige Übernahmen aus dem von Kusej geleiteten Residenztheater.

Kusej bringt u.a. vier eigene Inszenierungen aus München mit und widmet sich in seiner ersten Wiener Neuinszenierung im November Kleists „Hermannschlacht“, die ältere Theaterbesucher noch in Claus Peymanns legendärer und nach Wien übernommener Bochumer Inszenierung (mit Gert Voss und Kirsten Dene) in Erinnerung haben. Seine Regisseurinnen und Regisseure kommen aus 13 Ländern. Darunter sind der Deutsche Kay Voges ebenso wie der Isländer Thorleifur Örn Arnarsson.

Das Burgtheater soll sich der Vielsprachigkeit öffnen. „Das Burgtheater wird sich also fortan und endgültig nicht mehr als ‚teutsches Nationaltheater‘ begreifen, das nur in einer Zunge spricht und nur auf einem Ohr hört“, zitierte Kusej zu Beginn der Pressekonferenz aus dem Editorial seines ersten Spielzeitheftes. Ganze Aufführungen in anderen Sprachen kommen allerdings vorerst nicht.

„Es ist ein großartiges und wirklich großes Ensemble, das ich hier vorfinde. Dieses Ensemble ist vielleicht der wichtigste Grund für mich, hier arbeiten zu wollen“, sagte Kusej, der rund 30 neue Ensemblemitglieder ans Haus bringt. Darunter finden sich heimische Stars wie Birgit Minichmayr, Tobias Moretti und Florian Teichtmeister, der das Theater in der Josefstadt somit verlassen wird, aber auch Reiner Galke vom Volkstheater. Aus dem Münchner Residenztheater bringt Kusej 14 Schauspieler mit, zudem finden sich einige Schauspieler aus Ländern wie Ungarn, Island, Israel oder Luxemburg im Ensemble - für den neuen Direktor „eine tolle Mischung“: „Wir bringen andere Sprachen, andere Auffassungen und andere Kulturen hinein.“

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„Ich glaube, das ist ein richtig fetter Spielplan, extrem auf Wien zugeschnitten, fürs Burgtheater gedacht und gemacht“, sagte Kusej, dem es „ein großes Anliegen“ war, die Pläne im Detail von seinem „wunderbaren Team“ vorstellen zu lassen. „Wir arbeiten in einer flachen Hierarchie.“ Der zentrale Punkt aller Überlegungen sei: „Wien als Brennglas für Europa“.

Die Vorhaben für die kommenden Jahre stünden auf drei Säulen, erläuterte der designierte Direktor. Diese seien Vielsprachigkeit, eine Auseinandersetzung mit dem „Publikum der Zukunft“ und der digitalen Gesellschaft. „Hier nehme ich einen extremen Standpunkt ein: Rückbesinnung auf den Menschen, den Schauspieler, das Wesen aus Fleisch und Blut. Das ist unser Kerngeschäft: markante Geschichten mit starken Schauspielern zu erzählen.“ Es sei für ihn eine besondere Herausforderung gewesen, sich dabei „nach 30-jähriger Theatererfahrung zu fragen: Wie wird das weitergehen? Was sind Werkzeuge und Methoden, das sicherzustellen?“

Paradigmatisch für sein Konzept sieht Kusej jenes Stück, mit dem am 13. September im Akademietheater die Saison eröffnet wird: „Vögel“ des im Libanon geborenen Kanadiers Wajdi Mouawad (von dem 2007 das Stück „Verbrennungen“ im Akademietheater zu sehen war) sei „so etwas wie ein Signature Dish, eine Flaggship-Produktion für das, was wir hier versuchen. Es ist ein viersprachiges Stück mit arabischen, englischen, hebräischen und deutschen Textpassagen. Es stellt Fragen nach Identität, Herkunft und Kulturen. Das Stück behandelt die Frage: Wer bin ich und warum bin ich das?“ Der israelische Regisseur und Schauspieler Itay Tiran, der fix ins Ensemble kommt, inszeniert, das Ensemble sei bereits eifrig am Hebräischlernen.

Das Konzept der Vielsprachigkeit werde sich u.a. auch in der Endzeit-Oper „Dies irae - Tag des Zorns“ (Dramaturg Alexander Kerlin: „Inhaltlich geht es um den Weltuntergang und um die 5000-jährige Geschichte der Menschen, sich gegenseitig vom Weltuntergang zu erzählen.“) oder dem von Sebastian Nübling inszenierten Shakespeare-Projekt „This is Venice (Othello & Der Kaufmann von Venedig)“ finden, das den „Fokus auf strukturellen Antisemitismus und Rassismus und den Aufstand der Töchter gegen das patriarchale Gesetz“ legt (Kerlin). Um künftig Stücke ausschließlich in einer nicht-deutschen Sprache anzubieten, müsse man erst herausfinden, „wie groß die entsprechenden Communities sind“, sagte Kusej. Mit John Malkovich („Er kann definitiv nicht deutsch“.) sei er jedenfalls in Gesprächen über ein Schnitzler-Projekt.

In der Auftakt-Saison inszeniert Kusej Kleists „Hermannschlacht“: „Die Peymann-Inszenierung ist schon wieder fast 40 Jahre her. Ich hab das Stück wieder mal gelesen und habe mir gedacht: Wow, das passt ja hervorragend in unsere heutige Zeit. Es gibt 24 Rollen. Wir machen das in der richtig großen Besetzung. Das wird eine große Herausforderung - aber eine ganz normale Inszenierung - ohne Fort-, Weiter- oder Überschreibung.“ Künftig werde er dann voraussichtlich zwei Stücke pro Saison inszenieren („ich glaube auch nicht, dass mehr möglich ist als Burgtheater-Direktor“), obwohl sein Vertrag eigentlich nur eine Inszenierung pro Spielzeit inkludiere. „Ich werde auch nicht großartig woanders inszenieren“, sagte Kusej, der in den kommenden Jahren noch einmal in Turin und „vielleicht die eine oder andere Oper“ inszenieren will.

Dem Diskurs und der Jugendarbeit sind große Schwerpunkte gewidmet. Das Kasino am Schwarzenbergplatz soll als „neuer zentraler Ort für Literatur, Verständigung und Streitkultur“ dienen, erläuterte der zuständige Dramaturg Tobias Herzberg. Die „Europa im Diskurs“-Serie wird weitergeführt, neue Reihen wie „Apropos Gegenwart“ mit Isolde Charim und Sasha Marianna Salzmann als wechselnde Gastgeberinnen, „Der Kollektivsalon“ von Nazis & Goldmund sowie „Europamaschine“ (kuratiert von Oliver Frljic und Srecko Horvat gibt es „Theater, Film, Debatte zu den Ruinen und der Zukunft von Europa“) werden etabliert. Das Burgtheaterstudio, das auch ein eigenes Ensemble aufbaut, bezieht im Vestibül sein Hauptquartier und bietet Labore, Workshops und Aufführungen für alle Interessierte ab 7 Jahren. Als Kooperationspartner in den Bezirken fungieren u.a. Gleis 21 und die Brunnenpassage. Zwei Produktionen für Volksschulkinder werden auch mobil in der Stadt unterwegs sein. „Wir werden unser junges Publikum dort aufsuchen, wo sie leben“, kündigte Leiterin Anja Sczilinski an. Auch Bundesländer-Gastspiele sind angedacht. „Ich habe auch vor, in die Bundesländer zu fahren und dort Kooperationen abzuschließen“, versicherte Martin Kusej.

Mit Arbeits- und Machtstrukturen aus weiblicher Perspektive („Theblondprojekt“ von Gesine Danckwart & Caroline Peters), den Umtrieben rechter Parteien („Tristesses“ von Anne-Cecile Vandalem) oder dem Klimawandel und anderen ökologischen Katastrophen („2020 oder das Ende“ von Alice Birch) werden viele der großen Themen unserer Zeit auf der Bühne behandelt. Von den jüngsten innenpolitischen Umwälzungen sei er jedoch überrascht worden, gab der neue Burgtheater-Direktor zu. Eine Exklusiv-Preview des neuen Spielplans habe der ressortzuständige Interims-Außenminister jedenfalls nicht erhalten. „Das ist mir zu schnell gegangen, da bin ich nicht dazugekommen. Wenn Ruhe einkehrt, werde ich Termine machen. In den letzten Wochen ging das ja rasend schnell.“ Seine Direktion eröffnet Martin Kusej nun voraussichtlich mitten in der Endphase des Wahlkampfes. „Ich habe aber die Befürchtung, dass nach dem Wahltermin alles wieder dort anfängt, wo wir aufgehört haben.“ Eine Hoffnung hat er allerdings auch: „Ich warte darauf, dass Frau Jelinek endlich ein Stück zur aktuellen Entwicklung schreibt. Ich möchte auf jeden Fall, dass das hier aufgeführt wird.“




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