Letztes Update am So, 09.06.2019 18:26

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Vier Tote bei Protesten im Sudan



Bei Protesten anlässlich der Kampagne des „zivilen Ungehorsams“ im Sudan sind nach Angaben von Ärzten am Sonntag vier Menschen getötet worden. Je ein Mensch sei in Khartum und im benachbarten Omdurman erschossen worden, erklärte das Zentralkomitee sudanesischer Ärzte, eine der Opposition nahestehende Organisation. Zwei weitere Menschen seien nach Stichverletzungen im Krankenhaus verstorben.

Das Zentralkomitee machte die Militärregierung und paramilitärische Truppen für die Todesfälle verantwortlich. Beobachter der Proteste gegen den Militärrat berichteten von Warnschüssen, mit denen Polizisten die Proteste auflösen wollte. Zuvor hatte die Polizei bereits Tränengas eingesetzt.

Anhänger der Protestbewegung hatten am Sonntag damit begonnen, den nördlichen Bezirk Bahari der Hauptstadt Khartum mit Autoreifen, Baumstämmen und Steinen zu verbarrikadieren. Sie folgten damit einem Aufruf des sudanesischen Berufsverbands SPA, der als Reaktion auf die brutale Niederschlagung eines Sitzstreiks durch die Armee zu einer landesweiten „Bewegung des zivilen Ungehorsams“ aufgerufen hatte. Der Protest solle andauern, bis die regierenden Generäle die Macht an eine zivile Regierung übergeben, erklärte die SPA.

Einsatzkräfte der von den Oppositionellen gefürchteten Bereitschaftspolizei RSF, die von Augenzeugen für die Auflösung des Protestlagers mit dutzenden Toten am Montag verantwortlich gemacht wird, fuhren am Sonntag mit Maschinengewehren bewaffnet durch einige Stadtteile Khartums. RSF-Kräfte hatten am Sonntag auch das Elektrizitätswerk der Stadt umstellt.

Augenzeugen berichteten am Sonntag von einem Polizeitransporter voller Menschen in ziviler Kleidung im Bezirk Bahari. Dass es sich dabei um festgenommene Demonstranten handelte, konnte bisher nicht zweifelsfrei bestätigt werden.

Seit Tagen sind die Straßen in Khartum und der Stadt Omdurman am gegenüberliegenden Nil-Ufer wie leer gefegt. Viele Bewohner blieben in ihren Häusern. In den meisten Vierteln fuhren keine Busse. Das Geschäftszentrum von Khartum blieb am Sonntag geschlossen, ebenso die meisten Geschäfte und Märkte in Omdurman sowie in den Städten Al-Obeid im Zentrum des Landes und Madani im Südosten Khartums.

„Ich war in drei Bäckereien und konnte kein Brot kaufen“, sagte ein Bewohner der Stadt Madani in einem Telefonat mit der AFP. Demonstranten hätten auch in Madani Barrikaden aufgebaut, sodass Autos kaum noch durchfahren könnten.

Eine Verdreifachung der Brotpreise hatte die Massenproteste gegen den Langzeitherrscher Omar Al-Bashir ausgelöst. Seit dem Sturz Bashirs fordern die Demonstranten die regierenden Generäle dazu auf, die Macht an eine zivile Regierung zu übergeben. Verhandlungen zwischen der Protestbewegung und dem Militärrat waren jedoch Mitte Mai zum Erliegen gekommen.

Am Freitag war der äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed in einer Vermittlungsmission nach Khartum gereist. Nach getrennten Gesprächen mit Vertretern des Militärrats und der Protestbewegung hatte er einen „schnellen“ demokratischen Übergang gefordert.

Mehrere Fluglinien haben ihre Flugverbindungen von und nach Sudan seit dem brutalen Vorgehen der Polizei gegen Demonstranten am Montag ausgesetzt. Viele Passagiere warteten am Sonntag vor dem Abflugterminal des Flughafens in Khartum, wobei unklar blieb, ob am Sonntag überhaupt Flüge starten.




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