Letztes Update am Mi, 12.06.2019 08:56

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Expertin: „Polen muss eigene Identität finden“



Für die Politologin Malgorzata Bonikowska muss Polen noch die eigene „Identität finden“. „Polen hatte einen kürzeren Zeitraum zur Verfügung, um die eigene Unabhängigkeit zu erfahren“, sagte sie anlässlich einer Podiumsdiskussion zur 20-jährigen NATO- und 15-jährigen EU-Mitgliedschaft des Landes am Dienstag in Wien.

Die Politologin, die bereits für die EU-Kommission tätig war, erklärte, dass Polen zwischen Ost und West sowie Nord und Süd stehe. Sowohl das Territorium des Staates als auch die Mentalität der Menschen sei oft verschoben worden. „Das ist heute unsere Stärke“, sagte sie. Polen müsse so immer von Neuem seine Zugehörigkeiten definieren.

Bonikowska verwies darauf, dass es 30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in Polen zwei miteinander konkurrierende Standpunkte gebe. Einerseits eine introvertierte Position, die sehr in der Region verwurzelt sei, andererseits eine sich dem Westen zugehörig fühlende Gruppe. Damals sei der Westen als idealisierte Welt der Freiheit, des Reichtums und des Wohlstands ein idealisierter Bezugspunkt gewesen. Dieses Bild bekomme nun Risse, sodass Polen auch die eigene Identität hinterfragen müsse.

„Polen hat nun mehr Ehrgeiz, eigene Szenarien zu entwickeln“, fuhr die Politikwissenschafterin fort. Darum seien die Jubiläen des NATO- und EU-Beitritts für das Land so wichtig. Die Bevölkerung sei der „größte EU-Befürworter“, aber wolle nicht nur Anweisungen befolgen, sondern auch mitgestalten. Man sehe, dass die Union sich seit dem Beitritt 2004 verändert habe. „Wir haben viele Zweifel und ein Gefühl der Unsicherheit“, fuhr sie fort.

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Für den Historiker Christoph Augustynowicz sei Polen schon immer skeptisch gegenüber Fremdherrschern gewesen. Das Land habe sich immer als Bollwerk des Christentums gegen äußere Einflüsse gesehen. Dies mag ein Grund für den umstrittenen Kurs Polens in der EU sein, mit dem sich das Land gegen Fremdbestimmung wehren will.

„Die Kenntnis der neueren EU-Mitglieder ist in Westeuropa nach wie vor sehr gering“, sagte der ehemalige Vizekanzler Erhard Busek. Er führte dies auf die Nachwirkungen des Eisernen Vorhangs zurück: „Da hat das Denken aufgehört, ab da wurde ausgeblendet.“ Grund für diese Unkenntnis sei oft „Arroganz und wenig Einfühlungsvermögen“. Busek erklärte, dass beispielsweise die Altersbetreuung ohne den Beitrag polnischer Arbeitskräfte „zusperren“ könne.

Auch in der EU habe die Akzeptanz lange gedauert, denn ein Pole sei erst spät in eine führende EU-Funktion gekommen. „Sie werden nicht richtig verstanden“, schlussfolgerte er. Dies treffe auch auf die Visegrad-Gruppe zu. „Der Weg aus dem Warschauer Pakt geht nicht von heute auf morgen“, gab er zu bedenken. Dennoch seien beispielsweise die umstrittene Situation der Rechtsstaatlichkeit in Polen für den Rest Europas „wenig verständlich“: „Manches geht zu weit“, unterstrich Busek.

Der Historiker Slavomir Debski verwies darauf, dass für viele Bürger die EU nur als Gebilde der Reichen und Mächtigen wahrgenommen werde. „Die EU gehört den Bürgern, wir sollten einen Raum finden für Diskussionen, um über Europa reden zu können“, forderte er. „Der Westen hatte mehr Zeit um das Verständnis aufzubauen“, fügte Bonikowska hinzu. Busek forderte, dass besonders die Visegrad-Staaten besser artikulieren müssten, wenn die EU ihrer Meinung nach irre.

„Polen ist ein wichtiges Land für die Sicherheit Europas“, fügte er hinzu und betonte, dass das Land sich gegen Russland wappne. „Die Besetzung der Krim durch Russland war ein gewaltsamer Angriff auf die Grundwerte Europas und der Demokratie“, sagte er. Die polnische Gesellschaft sehe eindeutig die Gefahr durch Russland.

Debski unterstütze darum auch die NATO-Beitrittsbestrebungen Weißrusslands und der Ukraine. „Genau wie wir sind das selbstständige Staaten, die tun können, was sie wollen“, sagte er. Bonikowska erläuterte, dass die Spaltung des Westens durch die verschlechternden Beziehungen zwischen der EU und den USA Polen Sorge bereite. Zur Zeit des Kommunismus sei die EU „hinter der Grenze“ gewesen, die USA hingegen das Synonym für die Freiheit. „Wir wollen diese beiden Elternteile behalten“, sagte sie.




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