Letztes Update am So, 16.06.2019 14:47

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Jens Harzer erhielt den „Iffland-Ring“ am Burgtheater



Der deutsche Schauspieler Jens Harzer erhielt am Sonntagvormittag im Burgtheater den Iffland-Ring. Der 47-jährige Schauspieler, Ensemblemitglied am Thalia Theater Hamburg und wiederholt bei den Salzburger Festspielen zu sehen, wurde von dem Mitte Februar verstorbenen, bisher letzten Träger Bruno Ganz als sein Nachfolger als „würdigster“ Schauspieler des deutschen Sprachraums bestimmt.

Keine kleine Feierstunde, sondern ganz großes Theater gab es bei der Verleihung: Nicht im intimen Rahmen des Pausenfoyers, sondern auf der Bühne vor vollem Zuschauerraum wurde die Zeremonie vorgenommen. Für den interimistischen Außenminister Alexander Schallenberg war es der erste offizielle Auftritt in seiner Zuständigkeit für Kunst und Kultur.

Er sei genauso überrascht nun bei diesem Anlass auf der Bühne zu stehen wie Harzer, sprach Schallenberg den Preisträger direkt an, nur habe dieser eine bedeutend längere Vorlaufzeit gehabt. Er fühle sich im Theater zwar durchaus wohl, allerdings mehr im Parkett oder - auf der Politbühne - als Souffleur vom Rand. Er wisse, dass „nicht jeder und jede in der Kulturszene“ über die Zuteilung von Kunst und Kultur in die Ressortzuständigkeit des Außenministeriums „restlos begeistert“ sei, er gehe aber mit großem Respekt und einem Gefühl der Verantwortung an die Sache heran und freue sich auf viele Gespräche in den kommenden Monaten. „Meine Hand ist ausgestreckt, meine Tür ist offen.“ Schallenberg kündigte an, dass „keine Monate der Reformen oder der tief greifenden Veränderungen“ bevorstünden, „aber eine Zeit des Austauschs und des Dialogs. Dann sind es nicht verlorene Monate.“

Schallenberg gratuliere Harzer herzlich zu diesem „mystischen Ring“, der einen ganz mit Ehrfurcht erfülle, zitierte aber auch aus Peters Steins Laudatio auf Harzers Vorgänger Bruno Ganz, wonach der Ring auch eine große Verantwortung bedeute.

Schon vor der Ring-Übergabe durch den Minister hatte der Regisseur Johan Simons, der am Tag nach seiner Bochumer „Hamlet“-Premiere angereist war, in seiner Rede geflachst: „Darfst du den Ring eigentlich mitnehmen oder bekommst du nur ein Duplikat? Ich habe gesehen, er ist mit Diamanten besetzt. Jeder Diamant sei dir gegönnt.“ Simons, der u.a. die gefeierte Salzburger „Penthesilea“ mit Jens Harzer und Sandra Hüller inszeniert hatte, erzählte von Proben mit Harzer: „Man spürt deine Präsenz, auch wenn du ruhig in einer Ecke sitzt.“ Gerade das erzeuge eine gewisse Unruhe im Regisseur. „Du fängst immer irgendwo tief in dir selbst an.“ „Erschreckend schnell“ entstünde aus dem leichten Hauch einer Möglichkeit jedoch ein Sturm, zu dem der förmlich überrumpelte Regisseur bereits Stellung beziehen müsse. Gleichzeitig habe sich Harzer die Neugier eines Kindes bewahrt: „Das Kind ist immer da, die Verwunderung.“ Man sehe bei seinen Rollen „nie nur einen Augenblick aus einem Leben, man sieht ein ganzes Leben“, so Simons. „Du bist unvergleichlich. Du bist ein großer Künstler.“

Davon konnte man sich zuvor mittels zahlreicher Video-Ausschnitte aus Harzers Bühnenauftritten ein Bild machen. Die scheidende Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann meinte in ihrer Begrüßung, sie hätte sich zweifellos keinen schöneren Anlass vorstellen können, mit dem ihre Direktionszeit sich ihrem Ende zuneige. Der Dichter Peter Handke (in dessen Stücken Harzer immer wieder gespielt hat) reflektierte über seine persönliche Beziehung zum Theater und zu Schauspielern und spannte in seiner von Diderot bis Wittgenstein und von Günther Netzer zu August Wilhelm Iffland reichenden, weitgehend frei gesprochenen Rede einen Bogen vom Auftritt Albin Skodas und Oskar Werners in „Heinrich V.“ bei Handkes ersten Burgtheater-Besuch als Schüler bis zu Harzers Monolog in seinem Stück „Immer noch Sturm“: Das Große an der Schauspielkunst sei das „Wir-Erlebnis“, das mit ihr geschaffen werden könne, und entsprechend gelte für begnadete Schauspieler wie Jens Harzer: „Nicht ER zeigt sich, sondern ES zeigt sich.“

Der so Gewürdigte nahm aus den Händen des Ministers den Ring entgegen, verzichtete aber auf Dankesworte und las stattdessen Johann Peter Hebels Text „Unverhofftes Wiedersehen“. Auskunftsfreudiger gibt er sich in einem Interview in der morgen erscheinenden Ausgabe des Nachrichtenmagazins „profil“. Dort sagt er u.a.: „Außerhalb von Wien interessiert diese Auszeichnung nicht so viele Menschen. In meinem privaten Umfeld auch nicht.“ Nun: Das Burgtheater jedenfalls war bei der Ring-Überreichung an diesem strahlenden Sonntagvormittag rammelvoll und mit mehreren Ex-Kulturministern und zahlreichen Schauspielerkollegen, Intendanten und Theaterdirektoren auch im Zuschauerraum sehr prominent besetzt.

Die Feier ging mit langen Standing Ovations zu Ende. Bis Jens Harzer schüchtern abwinkte. Drei Monate hat er nun Zeit, selber einen Nachfolger (oder eine Nachfolgerin) zu bestimmen. Die Wahl wird nicht leicht: „Also mir fallen sofort zehn Schauspielerinnen und Schauspieler ein“, so Harzer im „profil“.




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