Letztes Update am Di, 18.06.2019 09:00

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Salzburger Sommerszene eröffnete mit kraftvollen Rhythmen



Die vorsichtshalber auf jedem Sitzplatz bereitgelegten Ohrstöpsel sind ernst gemeint: Das Stück „Rule of Three“ des belgischen Choreografen Jan Martens, mit dem gestern Abend die Salzburger Sommerszene eröffnet wurde, lotet die akustische Schmerzgrenzen des Publikums aus. Es klopft, hämmert, pfeift, dröhnt und trommelt in einer Lautstärke und Intensität, dass es körperlich kaum auszuhalten ist.

Für den eindringlichen Sound des intensiven Tanzabends mit Livemusik hat sich Martens den amerikanischen Komponisten und Schlagzeuger NAH ins Team geholt. Der Musiker sitzt mit Schlagzeug und Elektronik auf der Bühne, hinter ihm flackern im schnellen Rhythmus Stroboskop-Lichtsäulen. Drei Tänzer - zwei Männer und eine Frau - bewegen sich wie mechanisch zu den lärmenden Klangwelten, die mal an Großstadtlärm, mal an Ravepartys, dann wieder an startende Flugzeuge oder heulende Sirenen erinnern. Es sind viele kurze Sequenzen, die sich scheinbar zusammenhanglos aneinanderreihen.

Die Tänzer wiederholen - jeder für sich - die immer gleichen Bewegungsmuster. Die Momente, in denen sich der Hauch einer Beziehung andeutet, sind selten. Jeder ist allein und in sich selbst gefangen. Die Tänzer wirken wie die sich im Kreis drehenden Püppchen auf Spieluhren - nur dass diese Spieluhr aus der lärmenden Großstadthölle kommt.

Das Lichtdesign von Jan Fedinger taucht die Bühne mal in schwarze Leere, fordert das Auge mit Stroboskop-Blitzen und leuchtet am Ende das Publikum hell aus, um es lange den Blicken der verschwitzten Tänzer auszusetzen. Man starrt sich gegenseitig an. In dieser langen Schlusssequenz herrscht plötzlich Stille - die Tänzer Julien Josse, Steven Michel und Courtney May Robertson sind vollkommen nackt und bauen lautlos, eng ineinander verwoben Körperskulpturen. Sie verbinden sich, sie trennen sich, die Geschichte dahinter bleibt ein Fragezeichen.

„I pay more attention to life itself“, heißt es gegen Ende des Stücks in einem an die Wand projizierten Text, in dem jemand über das Schreiben als Möglichkeit der Realitätsbewältigung reflektiert. Im Publikum haben sich einige dem realen Leben zugewandt und sind vorzeitig in die laue Vollmondnacht entflohen. Die, die blieben, applaudierten und diskutierten im Anschluss heftig. Die Reaktionen schwankten zwischen Begeisterung und Ratlosigkeit.




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