Letztes Update am Mi, 19.06.2019 15:35

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Vier Mordanklagen in den Niederlanden wegen MH17-Abschuss



Knapp fünf Jahre nach dem Abschuss eines Passagierflugzeugs über der Ukraine haben die Ermittler die ersten Haftbefehle gegen vier mutmaßliche Täter ausgestellt. Vier hochrangige prorussische Rebellen würden wegen mehrfachen Mordes strafrechtlich verfolgt, kündigten die Ermittler am Mittwoch in Nieuwegein bei Utrecht an.

Der Hauptverdächtige wies die Vorwürfe erneut kategorisch zurück. „Die Rebellen haben mit dieser Katastrophe nichts zu tun - weder ich noch andere“, sagte Igor G., genannt Strelkow, der Agentur Interfax am Mittwoch. Ein zweiter Verdächtiger ließ über einen Sprecher ebenfalls eine Beteiligung zurückweisen.

Verdächtigt werden drei Russen und ein Ukrainer, in den Abschuss der Maschine verwickelt zu sein. Girkin wies schon damals die Vorwürfe zurück. Er verließ das Kriegsgebiet später und ist wieder in seiner russischen Heimat. Beide Beteiligte lehnten eine Teilnahme an dem für März 2020 angesetzten Gerichtsverfahren ab.

Der Strafprozess gegen die vier Männer wegen 298-fachen Mordes soll am 9. März 2020 in den Niederlanden beginnen. Dies teilte der leitende niederländische Staatsanwalt Fred Westerbeke mit. „Das ist ein wichtiger Schritt.“

Die Boeing-777 der Malaysia Airlines mit der Flugnummer MH17 war am 17. Juli 2014 über der Ostukraine von einer Luftabwehrrakete des russischen Typs Buk abgeschossen worden. 298 Menschen starben, die meisten waren Niederländer. Am internationalen Ermittlerteam JIT beteiligen sich die Niederlande, Malaysia, die Ukraine, Australien und Belgien.

Die vier Hauptverdächtigen werden seit Mittwoch mit internationalem Haftbefehl gesucht: Der Kommandant der pro-russischen Rebellen Igor. G., der frühere russische Geheimdienstoffizier Sergej D., Oleg P. ebenfalls ein hoher Offizier bei den Rebellen, sowie Leonid K., ein Kommandant der Rebellen in Donezk.

Diese vier Männer sollen verantwortlich dafür sein, dass die Luftabwehrrakete aus Russland in die Ostukraine transportiert worden war. Zwei der Verdächtigen sollen sich den Ermittlungen zufolge in Russland aufhalten, ein weiterer Mann sei zuletzt in der Ostukraine gesichtet worden.

Die Ermittlungen seien aber noch nicht abgeschlossen, sagte Westerbeke. Weitere Haftbefehle wurden nicht ausgeschlossen.

Die Angehörigen von Opfern der Katastrophe reagierten positiv. „Dies ist der erste Schritt auf dem Weg zur Gerechtigkeit“, sagte der Niederländer Hans de Borst. Die Opferangehörige Silene Fredriksz erklärte, sie sei „glücklich, dass der Prozess endlich beginnen wird und dass, die Namen verkündet wurden“, sagte Fredriksz, deren Sohn und Schwiegertochter unter den Opfern waren. Sie machte den russischen Präsidenten Wladimir Putin persönlich für den Absturz verantwortlich. „Weil er dies möglich gemacht hat. Er hat die Situation geschaffen. Er ist der Hauptverantwortliche.“

Bereits vor einem Jahr hatten die Ermittler Beweise veröffentlicht, nach denen die Maschine über der Ostukraine mit einer Luftabwehrrakete des Typs Buk abgeschossen worden war. Das Waffensystem stammte demnach von der 53. Brigade der russischen Armee bei Kursk. Es war zuvor von Russland in die Ostukraine gebracht und anschließend wieder zurücktransportiert worden.

Moskau weist allerdings strikt jede Verantwortung zurück und macht die Ukraine verantwortlich. Der Vize-Regierungschef in der selbst ernannten Volksrepublik Donezk Andrej Purgin erklärte, Russland habe nicht einmal die technische Möglichkeit gegeben, das Buk-System von Russland in den Donbass zu transportieren. Das für den Abschuss benutzte Buk-System stamme vielmehr aus den Beständen der ukrainischen Streitkräfte. „In Donezk gab es einfach niemanden, der das hätte bedienen können“, sagte Purgin. Die Anschuldigungen seien daher absurd. Vielmehr habe die Ukraine das Personal gehabt, um das System zu bedienen. „In Russland werden die Anlagen praktisch schon nicht mehr benutzt“, sagte Purgin.

Der Kreml kritisierte die Ermittlungen darüber hinaus als einseitig. „Russland hatte keine Möglichkeit, an den Ermittlungen zu dieser furchtbaren Katastrophe teilzunehmen, obwohl wir das von Anfang an angeboten hatten“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Mittwoch der Agentur Interfax zufolge.

Es scheint bisher unwahrscheinlich, dass die Verdächtigen auch zum Prozess erscheinen werden. Der Prozess kann in den Niederlanden aber auch in Abwesenheit der Angeklagten stattfinden. Russland lehnt die Auslieferung eigener Staatsbürger ab.




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