Letztes Update am Mi, 19.06.2019 17:51

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Erdogan verdächtigt vor Wahl in Istanbul das Ausland



Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan verdächtigt ausländische Kräfte, bei der Neuwahl des Bürgermeisters von Istanbul am Sonntag die Hände im Spiel zu haben. „Warum interessieren sich so viele Kreise im Ausland so sehr dafür, wer Istanbul führen wird?“, sagte er am Mittwoch in einer Wahlkampfrede im Istanbuler Stadtviertel Sancaktepe.

„Kümmern wir uns etwa darum, wer Bürgermeister in London, Berlin, Paris, Wien, Amsterdam oder Brüssel wird? Das bedeutet, da steckt etwas dahinter.“ Erdogan warf zudem dem aussichtsreichen Kandidaten Ekrem Imamoglu von der größten Oppositionspartei CHP vor, aus dem Ausland und von Terroristen unterstützt zu werden.

Unterdessen sieht ein Umfrageinstitut Imamoglu in der Führung. Den Meinungsforschern von Konda zufolge, die als relativ unabhängig gelten, kommt Imamoglu von der Mitte-Links-Partei CHP auf 49 Prozent der Stimmen. Er hat damit einen Vorsprung von 8,1 Prozent vor seinem Herausforderer von der Regierungspartei AKP, Ex-Ministerpräsident Binali Yildirim. Der kommt demnach auf 40,9 Prozent der Stimmen.

In einer weiteren Berechnung verteilt Konda noch die Stimmen der Unentschlossenen und bisherigen Nichtwähler, worauf Imamoglu bei 54 Prozent liegen würde und Yildirim bei 45 Prozent.

In der Zusammenschau bieten die Meinungsinstitute ein gemischtes Bild. Nicht wenige sind politisch motiviert und ihre Ergebnisse sind mit Vorsicht zu nutzen. Diese sahen zwar „ihren“ eigenen Kandidaten vorne, aber dennoch oft nur mit geringem Abstand zum Gegenkandidaten. Es könnte diesen Instituten zufolge wie bei der ersten Wahl am 31. März also wieder knapp ausfallen.

Bei der Kommunalwahl am 31. März hatte Imamoglu zunächst überraschend und knapp vor dem Kandidaten der Regierungspartei AKP von Erdogan, Ex-Ministerpräsident Binali Yildirim, gewonnen. Die AKP hatte in Istanbul lange das Machtmonopol. Die Wahlkommission annullierte nach Anträgen der AKP das Ergebnis aber wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten und setzte die Wiederholung der Wahl für den 23. Juni an. Die Entscheidung stieß international auf Kritik.

Der bis vor wenigen Wochen unbekannte Lokalpolitiker Imamoglu war mit seinem Überraschungssieg gegen die AKP zum Shootingstar der türkischen Politik geworden. Für Erdogan-Verdrossene steht er nun als Symbol dafür, dass politischer Wandel möglich ist.




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