Letztes Update am Fr, 21.06.2019 09:05

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ein neuer „Otello“ an der Staatsoper, aber wenig Grund dafür



Giuseppe Verdis „Otello“ ist einer der Dauerbrenner des Opernrepertoires. Am Donnerstag wurde das Werk zum 477. Mal an der Hof- bzw. Staatsoper gegeben. Dass es sich dabei um die Premiere einer, nämlich der achten, Neuproduktion handelte, war dem Abend nicht wirklich anzumerken. Adrian Noble inszenierte nicht, sondern arrangierte.

Mit Oper im 21. Jahrhundert hat das nur wenig zu tun. Und das ist schade. Der Grundkonflikt, auf den Verdi und Librettist Arrigo Boito unter Weglassung von Shakespeares historischen Bezügen auf das von den Venezianern besetzte Zypern des 15. Jahrhunderts zack, zack, zack zusteuern, ist nämlich aktuell wie eh und je: Eine junge Ehefrau nimmt sich das Recht heraus, in aller Unschuld auch einen anderen Mann als ihren frisch angetrauten Gatten sympathisch zu finden und bietet ihm ihre Hilfe an. Der Gemahl entflammt darauf in heller Eifersucht. Das ist der Stoff, aus dem auch heute noch reihenweise letal endende Beziehungstragödien gemacht werden.

Was macht Adrian Noble, Regie-Routinier und Ex-Leiter der Royal Shakespeare Company, der bereits „Hänsel und Gretel“ und „Alcina“ im Haus am Ring in Szene setzte? Er siedelt die Handlung einerseits in einer vage angedeuteten bürgerlichen Gesellschaft - angeblich um 1910 - an und hat sich andererseits von Dick Bird hohe, düstere Räume bauen lassen, die sich in König Blaubarts Burg befinden könnten. Der mörderische Schlussakt mit unzähligen Kerzen rund um einen Ehebett-Altar erinnert dagegen an eine Kirchenoper. Von differenzierter Psychologie und innerer Zerrissenheit keine Spur.

Hatte man lange die Befürchtung, das in der Pause über der Innenstadt niedergehende Hagelgewitter könnte der einen am unmittelbarsten berührende Teil des insgesamt dreistündigen Abends bleiben, gab es zu Beginn des vierten Akts momentweise endlich Beweise für jene Kraft, die die Emotions-Maschine Oper über alle Epochenwandel hinweg noch immer zu entfalten versteht: Olga Bezsmertna, die ihre Desdemona so unschuldig anlegte, dass ihr in dieser Szene angelegtes Brautkleid auch für die Erstkommunion dienen könnte, entlockte dem Bangen, Ahnen und Hoffen so himmlische Töne, dass sich auch Dirigent Myung-Whun Chung ganz zurücknehmen musste. Ansonsten konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich das Staatsopernorchester vor allem für die weite Open-Air-Akustik des folgenden Sommernachtskonzerts in Schönbrunn aufzuwärmen schien: Volle Kraft voraus!

Das vorangegangene Liebesglück zwischen Otello und Desdemona ließ Noble allen ernstes unter Sternenhimmel zelebrieren. Musikalisch war der Abend dagegen keine Sternstunde. Aleksandrs Antonenko in der Titelpartie, meist in unvorteilhafte Kostüme mit mehr priesterlicher als militärischer Anmutung gesteckt, erwies sich in den Höhen als nicht immer sicher, punktete jedoch mit seinem gut eingesetzten kräftigen Tenor. Vladislav Sulimsky als Ober-Intrigant Jago, Jinxu Xiahou als angeblicher Desdemona-Gespons Cassio und Leonardo Navarro als Roderigo wie Margarita Gritskova als Emilia - sie alle boten solide Leistungen.

Auch wenn der Abend insgesamt keine rechten Argumente für eine Neuinszenierung bot und inszenatorisch wohl als glatter Rückschritt gegenüber jener Christine Mielitz-Interpretation zu werten ist, die noch bis vor kurzem gespielt wurde, gab es am Ende einigen Jubel.

Diese letzte Premiere der vorletzten Staatsopern-Saison unter Dominique Meyer warf aber auch einige interessante Grundfragen auf: Wie wird Meyers künftige Verdi-Politik aussehen, sollte er tatsächlich wie erwartet in einer Woche als neuer Scala-Intendant bekanntgegeben werden? Wird Meyer in seiner letzten Saison in Wien, die ja auch eine Olga Neuwirth-Uraufführung vorsieht, doch noch andere Saiten aufziehen? Vor allem aber: Wird es solche Abende der reinsten Konvention künftig auch unter Bogdan Roscic geben? Das ist das Schöne an der Oper: Sie liefert immer Grund für spannende Überlegungen. Auch wenn es auf der Bühne manchmal recht lähmend zugehen sollte.




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