Letztes Update am Sa, 22.06.2019 21:39

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Aktivisten stürmten Braunkohle-Tagebau in Deutschland



Der trockene Boden an der Abbaukante staubt, als Dutzende Aktivisten in den Tagebau Garzweiler hinein rennen. Meist sind sie in weißen Papier-Overalls gekleidet. Auf Internetvideos des Bündnisses „Ende Gelände“ ist zu sehen, wie die Demonstranten am Samstag johlend und klatschend durch den Tagebau in der Nähe von Aachen laufen. Die Polizei appelliert an die Frauen und Männer stehen zu bleiben.

Während Tausende Teilnehmer der Fridays-For-Future-Bewegung, die erstmals an einem Samstag zusammenkommt, friedlich demonstrieren, legt es das Bündnis „Ende Gelände“ am Samstagnachmittag auf die Konfrontation an. Man werde die Polizeiketten jetzt „durchfließen“, heißt es auf dem Twitter-Account der Aktivisten schon zu Mittag.

Wenig später brechen an verschiedenen Stellen Menschen durch die Polizeiketten. Die Behörden melden kurz darauf erste Verletzte, ohne Zahlen zu nennen. Die Gewerkschaft der Polizei, die selbst mit einer Abordnung am Ort ist, sprach am Abend von acht verletzten Polizisten. Die Polizei benutzt ihrerseits Pfefferspray, um Aktivisten zu stoppen. „Ende Gelände“ prangert via Twitter „Polizeigewalt“ an.

Der NRW-Chef der GdP, Michael Mertens, spricht von einem „unglaublichen Leichtsinn“ der Aktivisten. Die Abbaukanten im Tagebau seien auch deshalb so gefährlich, weil man oben oft gar nicht sehe, wenn darunter gar kein Grund mehr sei. „Da können Sie 40 Meter tief stürzen“, so Mertens zur Deutschen Presse-Agentur. Er prophezeite einen „langen Tag“ für die Polizei, da das Eindringen in den Tagebau wohl keine Einzelaktion bleiben werde. Mertens lobte gleichzeitig die friedliche Demo der Fridays-For-Future-Teilnehmer.

Dem Protestmarsch der Schüler-Bewegung hatten sich am Samstagvormittag auch Familien und ältere Menschen angeschlossen. Sie machten sich am Tagebau entlang auf den Weg in das Dorf Keyenberg - eines der letzten Dörfer im Rheinischen Revier, die für einen Tagebau abgebaggert werden sollen. „Alle sind gegen Kohle, außer Peter, der gräbt noch einen Meter“ hieß es auf dem Plakat eines Teilnehmers, das Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zeigte. Die Organisatoren sprachen von 8.000 Teilnehmern bei den störungsfreien Aktionen.

Eine Gruppe von „Ende Gelände“ hatte sich mit rund 1.600 Menschen auf den Weg gemacht. Flankiert wurde der Zug, der in Sichtweite des Tagebaus Garzweiler auf einer Straße lief, von einem starken Polizeiaufgebot. Polizeireiter waren am Ort, ein Hubschrauber kreiste - bis der Ausbruch übers Feld in den Tagebau kam.

Am Nachmittag blockierten „Ende Gelände“-Aktivisten nach Angaben der Polizei die Hambach-Bahn. Auf der Strecke wird Kohle abtransportiert. Eine weitere Bahnstrecke (Nord-Süd) wurde bereits seit Freitagabend besetzt. Mehr als 6.000 Aktivisten waren nach Angaben der Bündnis-Sprecherin Kathrin Henneberger am Samstag im Revier: „Wir haben an vielen Stellen blockiert. Damit haben wir ein deutliches Zeichen gesetzt: Für den Klimaschutz muss jetzt etwas passieren.“

RWE hatte nach Angaben eines Sprechers zunächst vier von sechs Produktionseinheiten inklusive Baggern aus Sicherheitsgründen gestoppt. „Das ist ein Eingriff in die öffentliche Versorgung“, sagte eine RWE-Sprecher der dpa. „Aber es ist nicht so, dass wir Kraftwerke gleich abstellen müssen.“

Am Ende eines heißen Nachmittags waren nach Angaben der Aktivisten-Sprecherin 1.000 Aktivisten im Tagebau. „Die Deutungshoheit überlassen wir „Ende Gelände““, kommentierte eine Polizeisprecherin diese Zahl. Man werde jetzt versuchen, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen.

Die Polizei Aachen appellierte via Twitter an die Demonstranten, sich „besonnen und kooperativ“ zu verhalten und „Befreiungsversuche und Angriffe auf Beamte“ zu unterlassen. Sie teilte auf dpa-Anfrage mit, dass es mehrere Ingewahrsamnahmen gegeben habe. Genaue Zahlen konnte die Polizei zunächst nicht angeben. Ferner berichtete die Behörde via Twitter, dass Demonstranten versuchten, die Abbruchkante des Tagebaus hochzuklettern und warnte vor „Lebensgefahr“. Die Abbruchkante könne „abrutschen“.

Die von der Polizei in Gewahrsam genommen Demonstranten werden laut Polizei bei derartigen Demonstrationen in einer „bestimmten Örtlichkeit“ festgehalten. Bei der Feststellung der Personalien sei es den Angaben zufolge zu den versuchten Gefangenenbefreiungen gekommen. Dies sei eine Straftat, das Eindringen in den Tagebau Hausfriedensbruch, dazu komme Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte.




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