Letztes Update am So, 23.06.2019 17:22

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Johnson schweigt vor Parteibasis zu Streit mit Partnerin



Nach einem lautstarken Streit mit seiner Lebensgefährtin gerät der britische Ex-Außenminister Boris Johnson in seiner eigenen Partei unter Druck. Hochrangige Tory-Mitglieder kritisierten am Wochenende Johnsons Reaktion auf den Vorfall, der am Samstag die Titelseiten der britischen Zeitungen beherrschte. Johnson gilt als Favorit im Rennen um die Nachfolge von Premierministerin Theresa May.

Jüngste Umfragen zeigen jedoch, dass die Unterstützung für ihn abgenommen hat. Ein heftiger Streit mit seiner Lebensgefährtin Carrie Symonds rief Medienberichten zufolge in der Nacht auf Freitag die Polizei auf den Plan. Wie der „Guardian“ berichtete, alarmierte ein besorgter Nachbar die Polizei, nachdem in der Wohnung im Süden Londons Schreie und Türenknallen zu hören waren. Johnson versuchte am Samstag bei einem Auftritt vor der Parteibasis in Birmingham, das Gespräch von seinem Privatleben auf die Politik zu lenken.

Nach einem Streit geriet Johnson unter Druck. Der bisherige Favorit für die Nachfolge von May verlor an Boden gegenüber seinem innerparteilichen Rivalen Jeremy Hunt, wie aus einer Umfrage der Zeitung „Mail on Sunday“ hervorgeht. Noch am Donnerstag galt Johnson unter allen Wählern bei 36 Prozent als der beste potenzielle Premierminister, während 28 Prozent Hunt unterstützten. In einer neuen Umfrage nach dem Polizeieinsatz vom Freitag zog Hunt mit 32 Prozent an dem Ex-Außenminister vorbei, der nur noch 29 Prozent erhielt. Unter konservativen Wählern fiel Johnsons Zuspruch von 55 auf 45 Prozent, während Hunts Zustimmungsquote von 28 auf 34 Prozent stieg.

Johnson galt zuletzt als Favorit für den Parteichef der regierenden Konservativen und damit auch für das Amt des Premierministers. Die 160.000 Tory-Mitglieder müssen sich bis Ende Juli per Briefwahl zwischen Johnson und Hunt entscheiden.

„Ich glaube nicht, dass die Leute von solchen Dingen hören wollen“, sagte Johnson in Birmingham, wo er sich neben seinem Kontrahenten, dem amtierenden Außenminister Jeremy Hunt, den Mitgliedern der konservativen Tory-Partei präsentierte. Er stellte lieber seine Sicht auf den EU-Austritt Großbritanniens heraus. „Wir müssen den Brexit schaffen“, sagte er und versprach, Großbritannien auf einen „No Deal“-Brexit vorzubereiten, falls mit der EU keine Einigung erzielt werde.

Der ehemalige britische Außenminister Malcolm Rifkind kritisierte Johnsons Schweigen über den Vorfall. „Tatsache ist, dass es einen Polizeibesuch gab. Da sagt man nicht einfach, ‚Kein Kommentar‘“, sagte der konservative Politiker dem Sender BBC Radio 5.

Auch der britische Staatsminister für Europa, Alan Duncan, sah Johnsons Reaktion kritisch. Der Ex-Außenminister habe jetzt ein „großes Fragezeichen über dem Kopf“, sagte Duncan der Zeitung „The Guardian“. Er fügte hinzu, Johnson habe während seiner gesamten Karriere einen „Mangel an Disziplin“ gezeigt.

Das letzte Wort haben jedoch die 160.000 Parteimitglieder, und deren Unterstützung für Johnson schien auch beim ersten Rededuell in Birmingham ungebrochen. Johnsons Auftritt wurde mit großem Applaus quittiert. Als der Moderator dem Londoner Ex-Bürgermeister Fragen über den häuslichen Zwischenfall stellte, reagierte die Menge mit lauten Zwischenrufen.

Hunt wurde in Birmingham ebenfalls ein herzlicher Empfang bereitet. Er versprach, falls es mit der EU zu keiner Einigung über den Brexit komme, werde der Austritt „ohne Deal“ erfolgen.

In einer Umfrage unter britischen Wählern für die Zeitung „Mail on Sunday“ überholte Hunt seinen Widersacher Johnson, der sieben Prozentpunkte verlor. Auch bei den Tory-Wählern sank Johnsons Vorsprung gegenüber Hunt von 27 Prozent auf neun Prozent. Ende Juli soll der Name des neuen Tory-Chefs voraussichtlich bekanntgegeben werden. Er wird dann auch automatisch Regierungschef.

Ein Video, das die Zeitung „The Observer“ veröffentlichte, könnte Johnson zusätzlich unter Druck setzen. Darin behauptet der ehemalige Chefstratege von US-Präsident Donald Trump, Steve Bannon, er habe im vergangenen Jahr an Johnsons Rücktrittsrede als Außenminister mitgewirkt.

Johnson und der US-Rechtsaußen-Ideologe lernten sich kennen, als beide im Amt waren, und sollen sich im vergangenen Sommer inoffiziell wieder getroffen haben. Johnson sagte damals, seine „sogenannte Beziehung“ zu Bannon sei eine „Wahnvorstellung der Linken“.




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