Letztes Update am Mo, 24.06.2019 16:49

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ex-Partnerin erstochen - Mordprozess in Wiener Neustadt



Der zweitägige Mordprozess gegen einen 43-Jährigen, der seine Ex-Lebensgefährtin erstochen haben soll, ist am Montag am Landesgericht Wiener Neustadt gestartet. Der Angeklagte soll seiner früheren Partnerin am 9. Jänner vor ihrem Wohnhaus aufgelauert und sie mit einem Messer attackiert haben. Er bekannte sich schuldig. Dem Mann droht lebenslange Haft und eine Einweisung in eine Anstalt.

Der Niederösterreicher soll die 50-Jährige nach der Trennung im Mai 2017 gestalkt und gefährlich bedroht haben. Am Abend des 9. Jänner soll er die Frau im Bezirk Wiener Neustadt-Land in der Garage mit einem Outdoor-Messer angegriffen haben, als sie nach Hause kam. Dem Opfer wurden laut Obduktion 15 Stiche zugefügt. Der Beschuldigte hatte 1,85 Promille intus.

Im August 2018 schickte der gelernte Spengler laut Anklage seiner früheren Lebensgefährtin den Link zum Zitat eines Bibelverses (Ezechiel 25:17), der auch im Film „Pulp Fiction“ von Hauptdarsteller Samuel L. Jackson in der Rolle des Killers Jules Winnfield zitiert wird, bevor dieser seine Opfer erschießt: „Ich will große Rachetaten an denen vollführen, die da versuchen, meine Brüder zu vergiften und zu vernichten, und mit Grimm werde ich sie strafen, dass sie erfahren sollen: Ich sei der Herr, wenn ich meine Rache an ihnen vollstreckt habe.“ Der Schwägerin der 50-Jährigen sendete der Beschuldigte der Staatsanwaltschaft zufolge im Dezember 2018 eine Sequenz aus einem Rambo-Film, in der der Hauptdarsteller einem Kontrahenten ein Messer an die Kehle setzt.

Laut Gutachten ist der 43-Jährige zurechnungsfähig, aber gefährlich. Die Staatsanwaltschaft hat wegen „massiver Rückfallgefahr“ die Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher nach Paragraf 21 Absatz 2 Strafgesetzbuch beantragt.

Der Angeklagte sei „Gefangener der Spirale einer Verzweiflung“ und leide an einer Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen Elementen und emotional instabilen Anteilen, sagte Verteidiger Wolfgang Blaschitz. Besonders auffällig sei, dass sein Mandant nie allein gelebt habe. Er habe bis zum 27. Lebensjahr mit seiner Mutter im gemeinsamen Haushalt gewohnt und sei von dort zu seiner ersten Partnerin gezogen. Der Angeklagte habe in seinen Beziehungen immer „Halt und Unterstützung gesucht“. „Keine dieser Intimpartnerschaften ist retrospektiv betrachtet gut gegangen“, sagte der Rechtsanwalt. Probleme habe es sowohl mit der Ex-Frau, mit der der 43-Jährige einen gemeinsamen minderjährigen Sohn hat, als auch mit der Partnerin nach der 50-Jährigen gegeben.

Die Tötung sei eine „Art Stellvertreterhandlung“ gewesen, sagte der Jurist. Es habe sich alles, was sich beim Angeklagten aufgestaut hat, entladen. Der Beschuldigte sei mittelschwer alkoholisiert gewesen. An die Details könne sich der 43-Jährige nicht mehr erinnern, „geblieben ist die völlige Fassungslosigkeit über die Tat“.

Die Privatbeteiligten-Vertreterin erklärte: „Die Familie ist schwer traumatisiert und leidet unter Folgen der Tötung.“ Die Angehörigen nehmen den Angaben zufolge Psychotherapie in Anspruch. Für die Mutter des Opfers wurden 18.000 Euro an Schmerzensgeld geltend gemacht, für den minderjährigen Sohn 25.000 Euro, für den Bruder des Opfers 13.000 Euro, für die Schwägerin 8.000 Euro sowie für die Ex-Partnerin, die der Angeklagte gestalkt haben soll, 990 Euro. Zu den Ansprüchen gab die Verteidigung keine Erklärung ab.

Der 43-Jährige ist wegen Mordes, beharrlicher Verfolgung, gefährlicher Drohung, schwerer Nötigung und fortgesetzter Belästigung im Wege eines Computersystems angeklagt. Ein Urteil in der Geschworenenverhandlung wird für Dienstag erwartet. Der Mann soll laut Staatsanwaltschaft durch Stalking-Handlungen nach Beendigung von Beziehungen aufgefallen sein. Wegen beharrlicher Verfolgung einer Ex-Lebensgefährtin und Körperverletzung wurde er 2018 und Anfang 2019 jeweils zu einer Geldstrafe verurteilt.

Die 50-Jährige hatte wenige Tage vor ihrem gewaltsamen Tod bei der Polizei ausgesagt, dass ihr Ex-Partner „Psychoterror“ ausübe. „Er hat mich psychisch fertiggemacht. Ich hatte ständig Angst, dass er mir etwas antun könnte“, hieß es in dem Protokoll, das am Montag im Mordprozess verlesen wurde. Der 43-Jährige soll ohne Vorwarnung und ohne vorhergehendes Gespräch auf die Frau eingestochen haben.

Das Verhältnis des 43-Jährigen zu drei Ex-Partnerinnen wurde unter anderem anhand von Handynachrichten nachgezeichnet. Als die 50-Jährige ihm zu verstehen gab, dass sie keinen Kontakt mehr will, hatte er laut dem Richter mit Beschimpfungen, Beleidigungen und Drohungen reagiert. Die Frau hatte heuer Anfang Jänner Anzeige gegen ihren Ex erstattet - ihre beiden Aussagen bei der Polizei wurde verlesen: Der Beschuldigte hatte sie demnach „verbal attackiert, aufs Übelste beschimpft“ und ihren Tagesablauf kontrolliert. Nach der Trennung im Mai 2017 habe eine „ständige Verfolgung“ durch den Mann begonnen. Der Beschuldigte soll „Psychoterror“ gegen das spätere Opfer und ihre Familie ausgeübt haben. „Ich möchte nur wieder ein ganz normales Leben führen können“, hieß es in dem Protokoll.

Der Beschuldigte war seit Monaten arbeitslos und konnte die Miete nicht mehr zahlen. Ab Dezember 2018 wurden die Wärmeversorgung und dann auch der Strom in seiner Wohnung abgedreht. Zahlreiche SMS drehten sich darum, dass der 43-Jährige persönlichen Gegenstände von der 50-Jährigen abholen sollte. Am 10. Jänner hätte es eine Verhandlung in Zusammenhang mit einer Räumungsklage gegen den Mann gegeben - am Vortag wurde die Frau getötet.

Laut sichergestellten Google-Suchverläufen hatte der Angeklagte 2018 im Jänner nach „Stichverletzung“ gesucht, im August gab er „tödliche Messerstiche“ und „schuldig bei Mord“ ein, im Oktober „erdrosseln wie lange dauert“ und im November „Messerstiche“. „Ich habe mir immer ‚Medical Detectives‘ angeschaut“, meinte der 43-Jährige dazu - wenn ihn ein Thema interessiert habe, habe er sich im Internet schlaugemacht.

Am Tattag, dem 9. Jänner, hatte der Angeklagte zuhause Wein und Bier getrunken und eigentlich laufen gehen wollen. Schließlich war er aber mit einem Fischermesser in der Hosentasche zum Wohnhaus der 50-Jährigen gegangen und hatte dort eineinhalb Stunden lang auf sie gewartet. „Ich wollte reden über alles, was vorgefallen ist“, meinte der 43-Jährige. Als die Frau ausgestiegen war, um das Garagentor zu öffnen, soll er sofort auf sie eingestochen haben. Dann hatte er das Messer weggeschmissen, war weggegangen, aber später noch einmal zurück an den Tatort gekommen - „in der Hoffnung, dass sie nicht mehr dort liegt“, meinte der Angeklagte unter Tränen. Schließlich war er nach Hause gegangen und hatte die Polizei verständigt.

Da das Opfer eine Überwachungskamera montiert hatte, wurde ein Teil der Tat aufgezeichnet. Mit Verweis auf den höchstpersönlichen Lebensbereich wurde die Öffentlichkeit während der Vorführung des Videos von der Verhandlung ausgeschlossen. Der Frau wurden laut Obduktionsgutachten 15 Stiche in Rücken, Brust, Bauch und Oberarm zugefügt. Zwei führten letztlich zum Tod, sagte der Sachverständige Wolfgang Denk. Ein Stich traf die Körperhauptschlagader, die Frau starb an Herz-Kreislaufversagen. Abwehrverletzungen wurden keine festgestellt.

Dass er eine Sequenz aus einem „Rambo“-Film, in der der Hauptdarsteller einem Gegner ein Messer an die Kehle setzt, an die Schwägerin der 50-Jährigen geschickt habe, war laut dem Angeklagten ein „Versehen“. Der Clip hätte an einen Freund gehen sollen. Beschimpfungen einer anderen Ex-Partnerin in sozialen Netzwerken tat der Angeklagte als „Rauschaktion“ ab.

Laut dem psychiatrischen Sachverständigen Manfred Walzl war der Angeklagte bei allen Taten - wenn auch eingeschränkt - zurechnungsfähig. Der Beschuldigte sei „von Selbstzweifel geplagt, auf der ständigen Suche nach Anerkennung“, aber in seinen Beziehungen, als Jugendtrainer und im Beruf gescheitert. Die Tendenz zu Übergriffen auf seine Partnerinnen habe seit 2010 zugenommen. Die „schwer ausgeformte“ Persönlichkeitsstörung des 43-Jährigen sei nie behandelt worden. Mit großer Wahrscheinlichkeit bestehe die Gefahr weiterer Taten mit schweren Folgen.

„Solange er sich in einer stabilen Beziehung befunden hat, hat er es geschafft, ein rechtskonformes Leben zu führen“, sagte die psychologische Gutachterin über den Angeklagten. Zur Trennung von der 50-Jährigen im Mai 2017 erklärte sie: „Von dort weg ist eigentlich eine Welt für ihn zusammengebrochen.“ Versuche, wieder eine Beziehung zu haben, seien gescheitert, der 43-Jährige habe ein „massiv bedrohliches Verhalten“ an den Tag gelegt. Die Schuld schiebe er seinen ehemaligen Partnerinnen bzw. den Angehörigen der 50-Jährigen zu. Aufgrund des hohen Rückfallrisikos empfahl die Sachverständige - wie auch Walzl - eine Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher.

Am Montagnachmittag wurden Angehörige des Opfers als Zeugen befragt. Die 70-jährige Mutter des Opfers sagte aus, der Angeklagte habe ihre Tochter „sekkiert und geschimpft“. Nach der Trennung habe die 50-Jährige ihr immer wieder beleidigende Handynachrichten und Drohungen des 43-Jährigen gezeigt. Außerdem habe sich der Angeklagte „fast täglich“ in der Nähe der Wohnung ihrer Tochter aufgehalten und sei in der Umgebung „herumgeschlichen“, deshalb habe die 50-Jährige auch eine Überwachungskamera installiert. „Er wollte uns Angst machen“, sagte die 70-Jährige.

Laut dem Bruder der Getöteten hatte der Angeklagte seine Schwester zeitweise mit Nachrichten „bombardiert“. Der Beschuldigte habe auch ihn immer wieder in Handynachrichten beleidigt, bis er ihn schließlich blockiert habe, sagte der 44-Jährige aus. Die Polizei hatte den Mann am Abend des 9. Jänner angerufen, er war sofort zum Haus seiner Schwester gefahren und hatte sie tot vor der Garage liegend gefunden. „War da für Sie klar, wer dafür verantwortlich ist?“, wollte der vorsitzende Richter wissen. „Ja“, antwortete der Zeuge. Ähnlich äußerte sich seine Frau. Sie berichtete auch, dass die 50-Jährige einige Male aus Angst vor dem Angeklagten bei ihnen übernachtet hatte. Am Heiligen Abend 2018 hatte das spätere Opfer einen handgeschriebenen Drohbrief im Briefkasten gefunden.




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