Letztes Update am Mi, 26.06.2019 15:44

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wiener Gemeinderat: Vassilakou sagte zum Abschied „Danke“



Eine Ära geht zu Ende: Am Mittwoch hat die grüne Verkehrs- und Planungsstadträtin Maria Vassilakou ihre Abschiedsrede im Wiener Gemeinderat gehalten. Ihre letzten Worte vom Rednerpult des Gemeinderatssitzungssaals richtete sie an die Abgeordneten: „Ich gehe nun mit einem letzten Wunsch: Passen Sie gut auf sich auf und passen Sie auf Wien auf.“

Vassilakou ist für die Grünen seit 1996 im Gemeinderat vertreten gewesen. Seit 2010 - dem Beginn von Rot-Grün in Wien - bekleidete sie das Amt der Vizebürgermeisterin sowie der Stadträtin für Verkehr, Stadtentwicklung, Klimaschutz und Bürgerbeteiligung. In ihrer rund 30-minütigen, berührenden Rede erinnerte sie sich an ihren ersten Auftritt im Gemeinderat: „Ende November 1996 wurde in diesem Saal eine junge Frau zur Gemeinderätin angelobt, spazierte nervös auf und ab und übte ihre Antrittsrede noch einmal und noch einmal. Mir war damals es ganz unbedingt wichtig, dass mir kein Fehler passiert und dass ich diese Rede auswendig halte.“

In ihrer Rede resümierte sie vor allem über ihre Zeit in der Stadtpolitik. Sie erinnerte an einige ihrer großen und kleinen Meilensteine wie die 365-Euro-Jahreskarte, den Umbau der Mariahilfer Straße und der Herrengasse zu Begegnungszonen oder die Bürger-Solarkraftwerke. Ihr Motto sei immer gewesen: „Eine Stadt, die darauf schaut, dass junge Familien mit ihren Kindern gerne in der Stadt bleiben, hier leben, weil sie es gerne tun und nicht weil sie es müssen.“

Was sie in ihren neun Jahren als Mitglied der Stadtregierung gelernt habe? „Ja, es fliegen die Hackeln. Manchmal bleiben auch Narben zurück, wenn eines steckt. Aber das muss man aushalten. So ist es und das gehört dazu. Am Ende zählt nur dieses eine: Es ist egal, welche Visitenkarte du hast, es ist egal, was auf deinem Türschild steht. Das einzige, was zählt, ist eine Vision: Welche Art von Stadt will ich haben und der ungebrochene Wille dahin zu arbeiten, dass diese Vision Wirklichkeit wird.“

Vassilakou erinnerte sich auch an eine Situation, die ihr Bild der Stadt geprägt habe, wie kaum etwas anderes: Sie lebte damals erst seit Kurzem hier, in einer Wohnung mit Ölofen. Zum Telefonieren ging sie ins Wirtshaus ums Eck. „In diesem Wirtshaus landete ich eines Abends, nachdem ich den Ölofen stundenlang nicht anbringen konnte und furchtbar fror. Als ich mit meinen Eltern redete, verlor ich die Beherrschung und habe begonnen zu weinen.“ Und genau in diesem Moment habe sich dieses Wirtshaus in eine riesige Familie verwandelt: „Man kann sich das nicht vorstellen.“

Menschen hätten ihr eine Suppe und ein Achterl Rot gereicht und die Wirtin habe sie umarmt: „Schatzl, was auch immer es ist, setzt dich her. Alles wird gut.“ Vassilakou schwärmte: „Dieses Wien ist Wien. Dieses Wien ist unser Wien. Das ist Wien. Die Häuser sind nicht Wien. Die Paläste am Ring sind nicht Wien. Wien sind wir, wir alle.“

Zum Abschied sagte die scheidende Stadträtin auch noch vielen Wegbegleitern „Danke“ - angefangen von ihrem Ehemann über ihre Eltern bis hin zu ihrem Team und letztlich auch allen Fraktionen. Beim Koalitionspartner würdigte sie die „Art und Weise der Zusammenarbeit“, bei der Opposition, dass „Sie einfallsreich geblieben sind, dass uns nie fad geworden ist“. Ein gesonderter Dank ging an Ex-Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ), der ihr Fettnäpfchen regelmäßig aus dem Weg geräumt habe: „Das ist auch ein Beweis von Freundschaft.“

Ihren grünen Kollegen dankte sie für die Offenheit für Neues und den Mut und bat schließlich, dass ihre Nachfolgerin Birgit Hebein dieselbe Loyalität erfahren solle, wie sie sie erfahren habe. Und Hebein selbst wünschte sie: „Birgit, dir sage ich an dieser Stelle: Glück auf, mach‘s gut, bitte mach‘s besser.“

Dank an Vassilakou kam vom Wiener Bürgermeister und SPÖ-Chef Michael Ludwig. Sie sei für eine „Politik mit Kontur und Kanten“ gestanden, würdigte er die scheidende Spitzenvertreterin des Koalitionspartners. Doch nicht nur Ludwig, auch die Vertreter der Opposition fanden wertschätzende Worte.

„Liebe Maria, bevor ich einige persönliche Anmerkungen treffen möchte, zitiere ich aus einer periodischen Druckschrift“, begann Ludwig seine Danksagung. Bei besagter Publikation handelte es sich um die „Kronen Zeitung“, in der in einem Kommentar um eine „Politikerin der ganz, ganz raren Sorte“ und um eine besondere Frau getrauert wurde. Eigentlich, so befand der Bürgermeister, könne er damit seine Ausführungen schon wieder beenden.

Doch er tat dies nicht und ließ wichtige Daten Revue passieren, also etwa die Berufung Vassilakous zur Grünen Klubchefin 2004. „Du hast einige Themen mit großer Begeisterung vorangetrieben“, hob Ludwig hervor. Sie wisse zudem auch, wie beschwerlich der Weg der Integration sei. Auch die „Gabe der Ironie“ lobte der Stadtchef - mit Verweis auf jenes Plakat, auf dem sich Vassilakou als Hexe abbilden ließ.

Ludwig zeigte sich stolz, der rot-grünen Koalition vorzustehen. Natürlich gebe es verschiedene Auffassungen zwischen den Parteien. Auf „Message Control“ verzichte man jedoch: „Wir sind der Meinung, das Bürgerinnen und Bürger das Recht haben, zu wissen, wofür politisch Verantwortliche stehen.“ Nicht mit allem sei man einverstanden gewesen, verwies er auf gelegentliche Dissonanzen zwischen den Koalitionspartnern. Aber die Stadträtin habe sich oft mit ihren Ideen durchgesetzt: „Manchmal muss man in der Politik wahrscheinlich konsequent sein.“

„Ich freue mich schon sehr auf die Zusammenarbeit mit Birgit Hebein“, versicherte Ludwig. Maria Vassilakou wünschte er für den weiteren Lebensweg alles Gute. Und er hoffe, dass dieser Weg ihn und die scheidende Politikerin immer wieder einmal zusammenführen werden, betonte er.

Die nicht amtsführende Stadträtin Ursula Stenzel (FPÖ) zog Parallelen mit der Ressortchefin: „Mit 50 bin ich noch einmal durchgestartet und mit 50 starten Sie noch einmal durch, dafür wünsche ich Ihnen alles Gute.“ Natürlich dürfe man sich von ihr als Oppositionspolitikerin keine „Heiligesprechungslitanei“ erwarten, gab Stenzel zu bedenken. Sie habe als Bezirksvorsteherin im ersten Bezirk Vassilakou nach ihrem Vorgänger Rudolf Schicker (SPÖ) aber „fast als Wohltat“ empfunden. Die neue Stadträtin sei viel pragmatischer gewesen.

So habe sie etwa Unterstützung bei den Anrainerparkplätzen bekommen - wobei Stenzel kritisierte, dass die Regelung nun wieder aufgeweicht worden sei. Auch habe Vassilakou offene Ohren für schwierige Verkehrssituationen gehabt, auch wenn sie doch oft Klientelpolitik - etwa bei den Radwegen - betrieben habe. „Sie sind ein Herzeigemodell für gelungene Integration“, gestand Stenzel der Noch-Vizebürgermeisterin weiters zu. Auch bei der Mariahilfer Straße sei ihr „einiges gelungen“. Harsche Kritik übte Stenzel dann aber doch auch - am „Durchpushen“ des Heumarkt-Projekts.

ÖVP-Klubobfrau Elisabeth Olischar berichtete von ihrem - erfreulichen, wie sie betonte - ersten Antrittsbesuch bei Vassilakou. „Du hast mich herzlich und offen empfangen und gesagt: ‚Ich freue mich, dass sich noch eine Frau dem Thema Stadtplanung widmet. Ich bin die Mary.‘“ Vassilakou habe während ihrer Amtszeit stets polarisiert, aber festzustellen sei: „Du hast in der Stadt Spuren hinterlassen“ Vassilakou sei mutig gewesen: „Du bist echt eine harte Socke.“

„Meine Fraktion war nicht mit allem einverstanden, was du entschieden hast“, betonte Olischar. Das gehöre aber zur Politik dazu. „Liebe Mary, bleib so ein lebensfroher Mensch“, lautete der Abschiedswunsch der ÖVP-Politikerin.

NEOS-Klubchef Wiederkehr zeigte sich etwa von Vassilakous Gedanken angetan, dass Wien eine Stadt für alle sein soll: „Das halte ich für einen sehr wichtigen Ansatz.“ Vassilakou habe eine klare Vision gehabt und sei für ihre Ideen eingestanden. Die Gesamtbilanz fällt auch nach Ansicht des pinken Rathaus-Politikers gemischt aus. Die Mariahilfer Straße sei ein „großartiges Projekt“: „Aber natürlich auch die 365-Euro-Öffi-Karte.“ Doch auch Wiederkehr übte Kritik am Heumarkt-Projekt. Damit habe Vassilakou ein fragwürdiges Erbe hinterlassen, befand er.




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