Letztes Update am Do, 27.06.2019 16:03

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bachmann-Preis: Kontroverse Jury-Diskussionen zum Auftakt



Den ersten Tag des Wettlesens um den 43. Ingeborg-Bachmann-Preis hat am Donnerstagvormittag die deutsche Autorin Katharina Schultens eröffnet. Die 39-jährige Lyrikerin entführt in ihrem Romanauszug „Urmünder“ ans Ende des 22. Jahrhunderts. Alternierend treffen dabei „laufende Aufzeichnungen der Gärtnerin Habekos“ aus dem Jahr 2184 auf Berichte aus dem Jahr 2196.

Im Hauptteil gibt die Ich-Erzählerin Habekos erträumte Geschichten aus 200 Jahren wieder, die zwischen Chimären und Moos angesiedelt sind und von ihrem botanischen Weltrettungsversuch und ihren Bemühungen, mit ihrer sterbenden Freundin ein Kind zu bekommen, handeln. Die Jury zeigte sich in der anschließenden Diskussion schwer gespalten. Während Hildegard Keller bei allem Lob für die Präzision des Textes feststellte, dass hier „intensiv Verwirrung gestiftet“ wird und Nora Gomringer sich „rausgekegelt“ fühlte, konterte Klaus Kastberger: „Der Text zeigt etwas, was viele Texte heuer zeigen: Man kann sich daran auch in 14 Tagen oder in drei Wochen noch erinnern. Ich glaube nicht, dass das ein Germanistentext ist. Das ist ein Text, der glaube ich, auch breit verständlich ist.“ Und so versuchte sich die Jury an der Dechiffrierung der zahlreichen Motive des Textes, der 200 Jahre nach George Orwells „1984“ angesiedelt ist. Jury-Vorsitzender Hubert Winkels zeigte sich beeindruckt, gab aber zu bedenken, dass der Text zu viele Motive auf engem Raum versammle. Insa Wilke, die die Autorin eingeladen hat, verteidigte ihre Wahl: „Der Text hat mich beeindruckt, weil er etwas tut, was man selten sieht: Er gibt der Imagination Freiheit.“

Mit Sarah Wipauer folgte im Anschluss die erste von insgesamt sechs österreichischen Teilnehmern. In ihrem Text „Raumstation Hirschstetten“ unternimmt die Wienerin, die bisher kein Buch veröffentlicht hat, aber auf Twitter und ihrem Blog publiziert, eine Art Familienaufstellung im Weltall. Beginnend am Ende des 19. Jahrhunderts stellt sie die Mitglieder der Familie von Pirquet vor, die einst in dem Schloss wohnte. Auf einer Raumstation treffen schließlich die Geister des Kinderarztes Clemens von Pirquet, seines Bruders Guido - seinerseits Raketentechniker - sowie zahlreiche Kühe aufeinander. „War es ein Flugzeug oder ein Stall der Zukunft?“, heißt es an einer Stelle. Weder noch: Schauplatz ist eine Raumstation 400 Kilometer über der Erde im Jahr 2018.

Zunächst waren sich die Juroren einig, dass es sich bei dem Text stilistisch um das Gegenteil des zuvor Gehörten von Katharina Schultens handelt. Das fanden einige gut, andere nicht. Während der einladende Juror Kastberger die „unterschwellige Art des Erzählens“ lobte, mit der „die irrsten Dinge so erzählt werden, als ginge es um Fakten“, konterte Michael Wiederstein, dass der Text zu oft den „Erklärbär“ mache und man viele Stellen so auch auf Wikipedia finden würde. „Wenn man einen lyrischen Text haben will, ist das hier nicht so leicht“, gab Winkels zu bedenken, während Nora Gomringer den Text „wahnsinnig lustig“ und „sprachlich gut aufgelöst“ fand. Fazit der Jurorin: „Ein wunderbares Meisterstück.“ Hildegard Keller lobte allen kritischen Stimmen zum Trotz die „poetische Sprache der Frau Wipauer“, während Insa Wilke befürchtete, dass Wipauer nach einem starken Auftakt abdriftet und die Chance auf einen Bestseller vergeben hat.

Den D-A-CH-Vormittag komplett machte schließlich die Schweizerin Silvia Tschui, die ihren Text „Der Wod“ vortrug. Einmal mehr eine Familiengeschichte, die von zahlreichen Rückblenden lebt und durch ihre betont kindliche Sprache ins Auge sticht. Bei einer Familienfeier kommen Erinnerungen an den Krieg hoch, an die verstreute Familie auf der Flucht, jahrelang zementierte Rivalitäten zwischen den Brüdern Hartmut und Emil gipfeln in einem Showdown mit Wiederbelebungsversuch.

Am Nachmittag ging es weiter mit der Österreicherin Julia Jost und der Schweizerin Andrea Gerster. Von heimischen Medien gern als „Lokalmatadorin“ tituliert, las die aus Kärnten stammende und mittlerweile in Hamburg lebende Autorin Jost aus ihrem Text „Unweit vom Schakaltal“. Damit war sie am ersten Lesetag der 43. Tage der deutschsprachigen Literatur nach Sarah Wipauer bereits die zweite Österreicherin. Aus der Perspektive eines Kindes erzählt die 36-Jährige von der Zusammenkunft einiger Kinder im Wald, wo selbst unter den Jüngsten eine Stimmung von Macht und Missbrauch herrscht. Im Hintergrund agieren die Erwachsenen, denen faschistoide Züge eingeschrieben sind. So ist es ausgerechnet ein Messer mit der Aufschrift „Meine Ehre heißt Treue“, das beim finalen Showdown eine tragende Rolle spielt. Ein Text, der der Jury fast einhellig großes Lob entlockte. So freute sich Jury-Vorsitzender Hubert Winkels über die „konkrete und dynamische Anschaulichkeit“ des Textes, in seiner „metaphorischen Übertriebenheit“ könne er auch die Thematik der „nur halb verdrängten Nazi-Zeit akzeptieren“.

In ganz andere Gefilde entführte schließlich die Schweizerin Gerster, die in „Das kann ich“ aus der Sicht einer Großmutter vom Auseinanderbrechen der Beziehung ihres Sohnes berichtet. Dabei drängt sich die Erzählerin in den Vordergrund, um nicht nur ihren Enkel für sich zu beanspruchen, sondern auch für ihren Sohn, der für seine Frau - eine Chirurgin - alles aufgegeben hat, einmal mehr alles zu richten.

Am Freitag stehen Lesungen von Yannic Han Biao Federer, Ronya Othmann, der Österreicherin Birgit Birnbacher, dem jungen Newcomer Daniel Heitzler und Tom Kummer auf dem Programm.




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