Letztes Update am Sa, 29.06.2019 15:05

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bachmann-Preis: Heftige Kritik an Beyer und Meschik



Der dritte Lesetag der 43. Tage der deutschsprachigen Literatur erfreute am Samstag Vormittag mit zwei sehr intensiven Jurydiskussionen. Mit einem Vatertext von Lukas Meschik und einer schwer kritisierten literarischen Auseinandersetzung mit der Ermordung der Geschwister Scholl von Martin Beyer endete am Samstagnachmittag das Wettlesen um den Bachmann-Preis.

Am Start waren zudem gleich zwei österreichische Teilnehmer: Während Ines Birkhan mit ihrem Text ganz und gar nicht überzeugte, überschlug man sich im Lob für Leander Fischer.

„Mein Vater war Kärntner“, begann der Wiener Lukas Meschik seinen Text namens „Mein Vater ist ein Baum“, in dem ein Sohn vom Leben und Sterben seines Vaters erzählt und dabei auch viel über sich selbst erfährt. Auf einer Metaebene streift Meschik, der von Stefan Gmünder eingeladen wurde, die Transformation der Rolle des Vaters in den vergangenen Jahrzehnten.

Die Jury konnte ihre Euphorie nicht über die Mittagspause retten: So klassifizierte Hubert Winkels den Text als überlange Traueranzeige, in die man ja immer gerne „Worte aus Weisheitsbüchern aller Art“ einbinde. „Als literarischer Text hat mich dieses kleine Requiem nicht überzeugt“, so der Jury-Vorsitzende. Michael Wiederstein störte sich daran, dass in dem Text Brüche in des Vaters Biografie ausgespart werden, es werde wie bei einer Trauerrede lediglich „vom Guten und Schönen gesprochen, das Wahre spart er aus“. In die selbe Kerbe schlug auch Hildegard Keller: „Es werden alle Differenzen wegbehauptet. Wenn ich eine Lebensgeschichte lesen will, brauche ich aber die Differenz.“

Nora Gomringer las den Text als „einen Text über die Autorwerdung“ und fand es „schön, wie dem Vater ein Denkmal gesetzt wird“. Auch Klaus Kastberger meinte, eine solche Nachrede würde er sich für sich selbst wünschen. „Für den literarischen Furor ist es natürlich besser, einen schrecklichen Vater zu haben.“ Der einladende Stefan Gmünder zeigte sich amüsiert: „Der milde gestimmte Klagenfurter Literaturgerichtshof zeigt sich kritisch.“ Meschiks Text gehe „ein großes Wagnis ein, nämlich jenes der Empfindung“. Am Ende konnte er seine Kollegen jedoch nicht von der Qualität des Textes überzeugen.

Noch einen letzten Kriegstext des diesjährigen Bewerbs brachte Martin Beyer mit: „Und ich war da“, erzählt von einem an der Russland-Front verletzten Mann, der in weiterer Folge als Gehilfe des NS-Scharfrichters Johann Reichhart bei den Exekutionen von Mitgliedern der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, der u.a. Hans und Sophie Scholl angehörten, assistiert. Ein Großteil der Jury war sich schnell einig: „Es ist ein Text, der so nicht geschrieben werden darf“, so Winkels. Insa Wilke kritisierte die Instrumentalisierung der Mitglieder der Weißen Rose und der historischen Zitate, die in den Text eingewoben sind.

Schuld daran ist laut Keller auch die „sehr beschränkte Erzählperspektive“, indem der Autor die Geschichte der Scholl-Geschwister aushöhle. „Von dieser Dimension, ihrem Mut, fehlt alles.“ Für Klaus Kastberger war völlig klar: „Dieser Text überschreitet für mich klar eine Grenze.“ Es sei ein Text, der in den Verdacht gerate, vom Leiden der Opfer profitieren zu wollen. Der Plauderton dieses Textes macht ihn so unerträglich.“ Zwar versuchte Nora Gomringer dem einladenden Wiederstein beizuspringen, der die geäußerte Kritik nicht nachvollziehen konnte, Wilke, Winkels, Kastberger, Keller und Gmünder ließen die vorgebrachten Argumente („Man wird nochmal zum Zeugen“, Gomringer) jedoch nicht gelten.

Den Anfang machte davor die Wienerin Birkhan mit ihrem Text „abspenstig“. Der Romanauszug spielt im Wasser im Devon, einer Periode des Erdaltertums, mit kurzen Verweisen in die Jetzt-Zeit. Dort ist die Sängerin Ekaterina Manos verschwunden. Sie befindet sich - so wird bald klar - unter Wasser und spricht mit einem Riesenskorpion. Diesen nennt sie „Meister“ und lässt sich von ihm tätowieren, zugleich pflegt sie das verletzte Tier, dessen Sprache sie versteht und mit dem sie auch gemeinsam singt. Der Leser erfährt allerhand über Ur- und Neumünder, über Kieferlose, Gliederfüßer und Exoskelette.

Bei der Jury fiel der Text breit durch, die umfassende Kritik veranlasste die Autorin gar, sich zu Wort zu melden - als Erste in diesem Bewerb. In Richtung Jury meinte sie: „Ich habe das Gefühl, dass sie relativ daneben liegen.“ Die Jury hatte sich zuvor über „mangelnde Relevanz“, problematische Wechsel der Erzählperspektive und die „nicht durchgearbeitete Montagetechnik“ des Textes echauffiert. Insa Wilke hatte sich nach dem Autorenvideo eine Art Performance erwartet, ihr habe sich der Text auf keiner der unterschiedlichen Ebenen erschlossen. „Da kann ich auch in ein Aquarium kucken“, so die Jurorin. Die „chimärenhafte Struktur“ erinnerte Hubert Winkels an den Text von Katharina Schultens, dennoch war er wenig begeistert: „Hier wird keine Skulptur gebaut, keine Musik geschaffen.“

Für Michael Wiederstein „geht der Text in der Gesamtkonstruktion nicht auf“, Hildegard Keller störte sich an den „losen Motiven, die nicht verknüpft werden“, Birkhan verwende eine „pseudozoologische Sprache, die nicht wirklich sauber durchgeführt ist“. Insgesamt fehle ihr die Dringlichkeit. Juror Stefan Gmünder nannte es „antiaufklärerisch“, sich wie die Figur im Text danach zu sehnen, „gedankenbefreit dahinzuvegetieren“. Einige positive Aspekte suchte Klaus Kastberger und meinte: „Ich habe nicht das Gefühl, dass der Text irrelevant ist“. Nora Gomringer, die Birkhan eingeladen hat, versuchte, ihre Wahl zu verteidigen: „Gerade in Zeiten, wo wir uns um Ökopoesie streiten, finde ich den Text absolut veritabel und gut.“

„Nymphenverzeichnis Muster Nummer eins Goldkopf“ nennt sich der Text von Leander Fischer, der als zweiter in den Ring trat. Der gebürtige Oberösterreicher erzählt von einem frustrierten Musiklehrer, der seinen Ausgleich mit Fliegenfischen sucht. Das meditative Binden des Köders, die Gespräche mit dem Fischer Ernstl, in denen er selbst wieder zum Schüler wird, nehmen in seinem Leben immer mehr Raum ein, sodass er nicht nur sein Familienleben vernachlässigt, sondern auch seine Schüler traktiert. Die Jury hatte Fischer damit sofort am Haken.

„Hier sehen Sie, was ich mir von Birkhan gewünscht hätte. In diesem Text sieht man, was Montage in der Literatur und der Umgang mit der Fachsprache leisten soll. Dieser Text knüpft selbst eine Goldkopfnymphe“, so Insa Wilke. Ihre Kollegin Hildegard Keller ortete „hohe Könnerschaft“, der Text sei ein „Miniaturkunstwerk“. Besonders gefiel den Juroren die dem Text zweifach eingeschriebene Lehrer-Schüler-Konstellation, wie Michael Wiederstein und Klaus Kastberger hervorhoben. Dieser mochte vor allem „die absolute Konzentration auf diese Wahnsinnigkeit“, mit der Fliegenfischer an ihren Ködern arbeiten. Fazit: „Ein Text, der sich abhebt.“

So endete der Lesereigen in höchst aufgebrachter Stimmung. Am morgigen Sonntag findet ab 11.00 Uhr die Wahl zum diesjährigen Bachmann-Preisträger statt.




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