Letztes Update am Sa, 29.06.2019 17:45

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bachmann-Preis: Große Chancen für Birnbacher und Fischer



Harte Kritik für Beziehungstexte, Lobeshymnen fürs Verschwinden und Ratlosigkeit, wenn es ernst wird: Die 43. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt gingen nicht ohne Kontroversen über die Bühne. Eröffnungsredner Clemens Setz wurde zum schweigenden achten, die Hitze zum präsenten neunten Jurymitglied. Am morgigen Sonntag wird der Bachmann-Preis verliehen.

Zum kollektiven Umblättern im ORF-Zentrum kam diesmal - mehr als sonst - auch der beständige Einsatz von Fächern. Doch auch dieser Lufthauch nützte nichts - mit Nora Gomringer forderten die Temperaturen von weit über 30 Grad ein Hitzeopfer: Die Jurorin musste aufgrund einer Dehydrierung während der Lesung von Birgit Birnbacher am Freitagvormittag aus dem Saal gebracht und im Krankenhaus behandelt werden. Wenige Stunden später stand sie jedoch schon wieder auf der Bühne des Lendhafens, um im Rahmenprogramm eigene Texte vorzutragen - mit einer Karaffe Wasser.

Wer es am morgigen Sonntag auf die Shortlist von jenen sieben Autoren schaffen wird, die mit einem der fünf Preise rechnen können, ist unterdessen nach den Jury-Diskussionen der vergangenen drei Tage ziemlich klar. Vor allem die Österreicher - die heuer mit sechs Autorinnen und Autoren vertreten waren - haben teils gute Karten. Allen voran Birnbacher, die die Jury mit ihrem Text „Der Schrank“ fast ausnahmslos überzeugte, in dem sie die „Neue Arbeitswelt“ sowie prekäre Wohnverhältnisse thematisiert, die im Zuge einer Langzeitstudie an der Ich-Erzählerin und ihren Nachbarn erhoben werden. Ihr Verschwinden am Ende in besagtem Schrank brachte Juror Klaus Kastberger gleich auf eine Analogie zu Bachmanns „Malina“.

Aus dem Alltag entschwindet auch der Protagonist in Leander Fischers Text: Sein feinfühliger Musiklehrer entzieht sich Job und Familie, um sich ganz der Kunst des Fliegenfischens zu widmen. Die virtuose Montagetechnik, die die unterschiedlichen Textebenen auch sprachlich ineinandergreifen lässt, überzeugte die Jury am Samstag. Weniger Jury-Glück hatte da Landsfrau Ines Birkhan, die mit ihrem Urzeit-Text durchfiel, auch Lukas Meschik konnte mit seiner Geschichte über das Sterben eines Vaters nicht überzeugen. Geteilte Reaktionen bekam Sarah Wipauer am ersten Lesetag: Während der einladende Juror Kastberger die „unterschwellige Art des Erzählens“ lobte, mit der „die irrsten Dinge so erzählt werden, als ginge es um Fakten“, konterte Michael Wiederstein, dass der Text zu oft den „Erklärbär“ mache und man viele Stellen so auch auf Wikipedia finden würde. Mehr Lob bekam die Kärntnerin Julia Jost, die mit ihrem Text „Schakaltal“ zumindest Außenseiterchancen hat. Stefan Gmünder lobte die „visuelle Kraft“ des Textes, für Gomringer war es eine „virtuose Erzählung, die schrecklich Spaß macht“.

Ebenfalls Außenseiterchancen hat Ronya Othmann, die mit ihrem Text über den Genozid an den Jesiden im Jahr 2014 vor allem Rat- und Sprachlosigkeit in der Jury auslöste. Der Text führte zu einer heftigen Diskussion über die Grenzen der Literaturkritik. „Es ist gar nicht so leicht, nach so einem Text über ihn zu sprechen“, hielt Hubert Winkels eingangs fest. „Das Hauptthema hier ist der Unsagbarkeitstopos“, so Winkels, der den Text „wirklich gelungen“ fand. Hildegard Keller und Gomringer enthielten sich ihrer Kritik, da die beiden den Text als Reportage verstanden wissen wollen. Chancen auf einen der Preise können sich eventuell auch Katharina Schultens mit ihrem Chimären-Text und Yannic Federer ausrechnen, dessen Neuanfangs-Text zumindest teilweise auf positive Resonanz stieß.

Die größte Kontroverse löste schließlich am Samstag als letzter Lesende Martin Beyer mit seinem Text „Und ich war dabei“ aus, in dem er die Ermordung von Mitgliedern der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ aus der Sicht des Henkersknechts schilderte. „Es ist ein Text, der so nicht geschrieben werden darf“, so Winkels. Insa Wilke kritisierte die Instrumentalisierung der Mitglieder der Weißen Rose und der historischen Zitate, die in den Text eingewoben sind. Auch für Kastberger stand fest: „Dieser Text überschreitet für mich klar eine Grenze.“ Es sei ein Text, der in den Verdacht gerate, vom Leiden der Opfer profitieren zu wollen. Auf einen Preis kann der Autor nach dieser Diskussion nicht hoffen. Auch Kollegen wie Silvia Tschui, deren Weltkriegstext „Der Wod“ wenig wohlwollend aufgenommen wurde oder Andrea Gerster mit ihrem Schwiegermutter-Text dürften nach den Jury-Diskussionen keine gute Karten haben. Auch Tom Kummer löste mit seinem Verlust-Text keine Begeisterungsstürme aus. Völlig enttäuschte schließlich der im Voraus gehypte Daniel Heitzler, dessen Text in der Jury weniger Anklang fand als erwartet. Ein Gewinner ist nach diesen Tagen hingegen Clemens J. Setz, der in seiner Eröffnungsrede den Begriff „Kayfabe“ aus dem Wrestling auf Literatur und Politik anwendete und in kaum einer Jury-Diskussion nicht zitiert wurde.

Eine Änderung im Auswahlverfahren für die Shortlist soll am morgigen Sonntag für mehr Transparenz sorgen. So kann jeder Juror fünf Autoren (außer die selbst Eingeladenen) mit Punkten von 1 bis 5 bewerten. Jene sieben Autoren, die die meisten Punkte haben, kommen auf die Shortlist, aus der im Anschluss der oder die Trägerin des Preises gewählt wird. Im Anschluss folgt die Wahl für die restlichen vier Preise.




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