Letztes Update am Mo, 08.07.2019 10:48

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


EU-Studie: Lebensqualität steigt auf Kosten von Umwelt



Der wirtschaftliche Aufschwung in der EU brachte Verbesserungen bei Beschäftigung, Armut, Wohnqualität und Gesundheit, führte aber auch zu steigendem Material-, Energie- und Flächenverbrauch. Die EU könnte daher ihre Klima- und Energieziele für 2020 verfehlen, warnt ein aktueller Bericht des europäischen Statistikamts Eurostat.

Das diesjährige EU-Monitoring der UNO-Nachhaltigkeitsziele, das unter der Leitung des WU-Instituts für Nachhaltigkeitsmanagement erstellt wurde, analysiert auf Basis offizieller europäischer Statistiken, inwieweit die EU in den letzten 5 bis 15 Jahren Fortschritte hin zu den 17 UNO-Nachhaltigkeitszielen erzielt hat. Die Auswertung der letzten fünf Jahre zeigt laut dem Bericht deutliche Fortschritte in den Bereichen Wirtschaftswachstum, Beschäftigung, Armutsbekämpfung und Gesundheit, aber nur geringe bis keine Verbesserungen bei Umweltschutz und der Bekämpfung des Klimawandels.

Rund zehn Jahre nach der globalen Wirtschaftskrise scheinen den Experten zufolge deren Auswirkungen in der EU endgültig überwunden zu sein. „Seit 2013 ist das Pro-Kopf Bruttoinlandsprodukt (BIP) der EU kontinuierlich um rund 1,9 Prozent pro Jahr gewachsen, und dies zeigt nun auch deutliche Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. So ist im selben Zeitraum die EU Beschäftigungsquote von 68,4 Prozent auf einen neuen Rekordwert von 73,2 Prozent im Jahr 2018 gestiegen, wodurch nun auch das „Europa 2020“ Ziel, diesen Wert auf 75 Prozent zu erhöhen, in Reichweite liegt“, erklärt Markus Hametner, Projektleiter am Institut für Nachhaltigkeitsmanagement der WU und leitender Wissenschafter bei der Erstellung des Eurostat-Berichtes. „Gleichzeitig ist die EU Langzeitarbeitslosigkeitsrate von 5,1 Prozent auf 2,9 Prozent gesunken, und der Anteil der 15- bis 29-jährigen, die sich weder in Ausbildung noch in Beschäftigung befinden ist von 15,9 Prozent auf 12,9 Prozent gefallen.“

Markante Verbesserungen gab es demnach auch bei der Bekämpfung von Armut und deren Auswirkungen: die Anzahl der in der EU von Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung betroffenen Personen erreichte mit 113 Millionen in 2017 einen neuen Tiefstand. Dennoch sind in der EU nach wie vor 22,4 Prozent - und damit mehr als ein Fünftel - der Bevölkerung von Armut oder sozialer Ausgrenzung gefährdet, und das „Europa 2020“ Ziel, diesen Wert bis 2020 um 20 Millionen Personen zu verringern (im Vergleich zu 2008), wird vermutlich verfehlt werden.

Positive Tendenzen gibt es weiterhin auch im Gesundheitsbereich: die durchschnittliche Lebenserwartung von EU-Bürgern ist nach wie vor im Steigen und lag 2017 bei 80.9 Jahren (78,3 Jahre für Männer und 83,5 Jahre für Frauen).

Ein konträres Bild zu den positiven Entwicklungen der Wirtschafts- und Sozialindikatoren der EU zeigt sich bei den Themen Umwelt und Klimawandel. So sind der Material- und Energieverbrauch der EU seit 2014 kontinuierlich gestiegen, was auch zu einem neuen Höchstwert bei der Energieabhängigkeit der EU - vor allem von Russland - führte. Wurde 2003 weniger als die Hälfte des Energiebedarfs der EU importiert, so mussten 2017 bereits 55,1 Prozent durch Importe gedeckt werden, auch weil der Ausbau erneuerbarer Energien in der EU mit dem Anstieg des Energieverbrauches nur bedingt Schritt halten konnte. Insgesamt führte dies zu einer leichten Zunahme der EU Treibhausgasemissionen seit 2014. Zwar ist das Ziel einer Emissionsreduktion von 20 Prozent im Vergleich zu 1990 noch immer in Griffweite, ein weiterer Anstieg, z.B. im Verkehrssektor, der einer der Hauptverursacher von Treibhausgasemissionen in der EU ist, könnte die Zielerreichung allerdings gefährden.

„Insgesamt hat sich das Bild der EU im Hinblick auf ihre Klima- und Energieziele in den letzten Jahren deutlich verschlechtert“, so WU-Forscher Hametner. „Ohne eine Trendumkehr läuft die EU Gefahr, alle ihre Ziele für 2020 - neben der 20-prozentigen Verringerung der Treibhausgasemissionen eine 20-prozentige Erhöhung der Energieeffizienz sowie eine Steigerung des Anteils erneuerbarer Energien auf 20 Prozent - zu verfehlen.“

Insgesamt nur geringe Fortschritte über die letzten fünf Jahre zeigen sich auch beim Umweltschutz. So ist die Fläche von Schutzgebieten 2018 leicht zurückgegangen, während die Flächenversiegelung weiter an Fahrt aufnimmt. Die fortschreitende Flächenversiegelung und die Intensivierung der Landwirtschaft zeigen u.a. deutliche Auswirkungen auf die Biodiversität in der EU: Seit Anfang der 90er-Jahre sind die Populationen von Schmetterlingen und Feldvögeln in Europa um ein Drittel zurückgegangen.

„Unsere Analysen der Entwicklungen der EU in Bezug auf nachhaltige Entwicklung in den letzten Jahren zeigen ein deutliches Bild: geht‘s der Wirtschaft gut, geht‘s uns allen gut - außer der Umwelt“, fasst WU-Forscher Hametner die Analysen der Eurostat-Daten zusammen. „Das Wirtschaftssystem der EU schafft es offenbar weiterhin nicht, Sozial- und Umweltziele unter einen Hut zu bringen. Eine Verbesserung der Lebensqualität auf Kosten von Umwelt und Klima, so wie wir sie gerade erleben, ist keinesfalls im Sinne der UNo-Nachhaltigkeitsziele, und kann auf Dauer auch nicht gut gehen. Die neue EU Kommission, die im Herbst 2019 ihr Amt antreten wird, hat die Chance und auch die Pflicht, die Entwicklung der EU tatsächlich ‚nachhaltig‘ zu gestalten.“




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