Letztes Update am Mi, 10.07.2019 08:32

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ressourcenfluch behindert Entwicklung im Kongo



Kaum ein anderes Land der Welt ist so lange und so stark ausgebeutet worden wie die Demokratische Republik Kongo. Die konfliktreiche Geschichte, gepaart mit Ressourcenreichtum, der für den Kongo eher Fluch als Segen bedeutet, trägt maßgeblich dazu bei, dass das zentralafrikanische Land bei fast allen Bewertungen einen der hintersten Ränge belegt.

Mit 80 Millionen Hektar kultivierbarem Land und über 1.100 Mineralien sowie wertvollen Metallen hätte der Kongo eigentlich das Potenzial, über eine Milliarde Menschen zu ernähren und zum Motor der gesamten afrikanischen Wirtschaft zu werden. Doch die jüngsten Zahlen der Vereinten Nationen offenbaren ein ganz anderes Bild. Der Kongo hat die weltweit zweithöchste Zahl an akut „ernährungsunsicheren“ Menschen, von 2017 auf 2018 kam es nahezu zu einer Verdoppelung. 77 Prozent der Bevölkerung leben von weniger als zwei US-Dollar pro Tag.

Das hat vielfältige Gründe: Der staatliche System ist weitgehend dysfunktional, die Politik oftmals korrupt, der Rechtsstaat inexistent. Seine Blütezeit erlebte das 86-Millionen-Einwohnerland während der 1960er Jahre, bergab ging es während der Diktatur von Mobutu Sese Seko (Präsident zwischen 1965 bis 1997), einer der schlimmsten Kleptokraten aller Zeiten. Er und sein Clan raubten das kongolesische Volk aus, die Infrastruktur verschlechterte sich unter seiner Herrschaft zusehends. Vom Westen wurde er unterstützt, garantierte er doch internationalen Firmen den kontinuierlichen Zugang zu den wertvollen Rohstoffen.

Doch wie auch in vielen anderen rohstoffreichen Staaten bereichern sich daran nur Eliten und Interessensgruppen, während die Zivilbevölkerung leer ausgeht - der „Fluch der Ressourcen“. Im Ost-Kongo sind es vor allem Rohstoffe wie Gold, Kupfer oder Coltan - letzteres wird für die Herstellung von Smartphones benötigt -, welche die Region nicht zur Ruhe kommen lassen. Die Erträge des Abbaus sind Haupteinnahmequelle für lokale Rebellengruppen. Wer sich daran aber eine goldene Nase verdient, sind meist multinationale Firmen mit Sitz in den Industrieländern. Und auch das Nachbarland Ruanda hat im Konflikt seine Finger im Spiel.

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Trotz einer 2015 durchgeführten Reform zur Dezentralisierung, bei der der damalige Präsident Joseph Kabila wohl mit Blick auf seine auslaufende Amtszeit seine Vertrauten noch mit entsprechenden Posten versorgte, wirkt die Regierung in Kinshasa in dem Konflikt hilflos und wie gelähmt. Auch geografisch liegen zwischen Ost (etwa Goma) und West (Kinshasa) mit über 2.400 Kilometern Welten, vor allem, wenn man bedenkt, wie schwierig sich Transport in dem infrastrukturell sehr schlecht entwickelten Land gestaltet. Die Demokratische Republik Kongo ist mit einer Fläche von über 2,34 Mio. Quadratkilometern das zweitgrößte Land Afrikas und damit 28-mal so groß wie Österreich.

Die Bevölkerung wächst rasant, im Schnitt gebiert eine kongolesische Frau sechs Kinder. Bis 2030 werden im Kongo laut Prognosen 120 Millionen Menschen leben. Im Vergleich zu Österreich ist die Kindersterblichkeit im Land extrem hoch - 91 von 1.000 Kindern sterben in den ersten fünf Lebensjahren. In Österreich sind es vier. Die Lebenserwartung der Frauen liegt bei 62 Jahren, jene der Männer bei 59 Jahren.

Im Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index/HDI) der Vereinten Nationen belegte der Kongo immer einen der letzten Plätze, konnte sich in den vergangenen Jahren aber leicht verbessern und liegt nun auf Rang 176 von 189 Ländern.

Das nur schlecht funktionierende staatliche System führt dazu, dass Gehälter von öffentlich Bediensteten unregelmäßig oder gar nicht ausbezahlt werden können. Dabei sind weniger als zehn Prozent der Kongolesen überhaupt in regulären Beschäftigungsverhältnissen. Die Funktionen des Staates übernimmt in vielen Fällen die katholische Kirche. So betreibt sie laut dem Generalsekretär der Bischofskonferenz in Kinshasa, Abbe Donatien Nshole, etwa 50 Prozent der Bildungseinrichtungen im Land. Auch 45 Prozent der Gesundheitseinrichtungen sind in kirchlicher Hand.

Neben den Konfliktmineralien zur Herstellung von High-Tech-Produkten sorgte der Kongo in den vergangenen Jahren mit einem anderen Thema für negative Schlagzeilen: die weitverbreitete sexualisierte Gewalt. Mit der Verleihung des Friedensnobelpreises 2018 an den kongolesischen Gynäkologen und Menschenrechtsaktivisten Denis Mukwege erlangte die Problematik international Aufmerksamkeit. Vergewaltigungen werden in Konfliktgebieten als Kriegswaffe eingesetzt, aber auch in Kinshasa wird zunehmend Gewalt gegen Frauen beobachtet.

Der Kongo beherbergt außerdem eine große Anzahl von Binnenvertriebenen (Internally Displaced People/IDPs). 2017 verdoppelte sich die Zahl der IDPs auf 4,4 Millionen, derzeit sind es über 4,5 Millionen. Weltweit gibt es nur in Kolumbien und Syrien mehr Binnenvertriebene.

Trotz aller Herausforderungen, negativen Nachrichten und schlechten Rankings - einige Beobachter sehen im Kongo auch ein riesiges Potenzial. Für 2019 wird dem Land etwa ein Wirtschaftswachstum von 4,6 Prozent prognostiziert. Es bleibt zu hoffen, dass der Kongo in Zukunft die Chancen, die seine Ressourcen bringen, zum eigenen Vorteil bzw. dem der Zivilbevölkerung nutzen kann.




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