Letztes Update am Do, 18.07.2019 23:07

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Don Quichotte“ als umjubelte Dekonstruktion



Nach Philipp Stölzls spektakulärem „Rigoletto“ auf der Seebühne am Mittwochabend, kann auch die zweite große Premiere der Bregenzer Festspiele 2019 als Erfolg verbucht werden: Regisseurin Mariame Clement dekonstruiert im Festspielhaus Jules Massenets „Don Quichotte“ als Spiel über die Männlichkeit, als Theaterreflexion über das Theater - ein Kunstgriff, der aufgeht.

Massenet hatte für sein 1910 uraufgeführtes Spätwerk die berühmte Cervantes-Vorlage bereits äußerst frei interpretiert - und ähnlich geht nun die 1974 geborene Französin Clement vor. Von der Narration des Librettos bleibt nur mehr wenig, was keinen Verlust darstellt. Schließlich hatte Massenet den großen spanischen Mythos des Ritters von der traurigen Gestalt zur gefühlsprallen Liebesgeschichte umgebogen.

Und Clement treibt die Biegung nun noch eine Stufe weiter. Sie nimmt die Partie des obsoleten Ritters, der das Gespött der Gesellschaft und zugleich ihr positiver Antipode ist, als Ausgangspunkt für ein humorvolles Bilderspiel rund um die Fragen von Helden und Männlichkeit - erzählt in einer pro Akt wechselnden Reise durch die Theaterstile von Otto Schenk über Claus Guth bis Frank Castorf.

Dem Bregenzer Publikum gefiel diese Regiebrechung scheinbar ausnahmslos, was nicht zuletzt dem exzellenten Ensemble zu verdanken ist, an dessen Spitze Anna Goryachova als Dulcinee und der Salzburger „Salome“-Jochanaan Gabor Bretz als Don Quichotte brillierten. Alles in allem also ein gelungener Doppelschlag der Bregenzer Festspiele zum heurigen Saisonauftakt.




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