Letztes Update am Fr, 19.07.2019 10:09

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Scanner am KHM blickt ins Schaffen von Caravaggio und Co



Die Feinstruktur eines völlig anderen Gemäldes unter Caravaggios „David mit dem Haupt des Goliath“ offenbaren Hightech-Scans, die kürzlich am Kunsthistorischen Museum (KHM) Wien durchgeführt wurden. Mit dem neuen Verfahren könne man Meisterwerken zwar naturwissenschaftlich fundiert Geheimnisse entlocken, ihre Strahlkraft schmälere das aber keineswegs, so Experten des KHM gegenüber Journalisten.

Dass sich zwischen den Pappelholz-Tafeln und dem heute sichtbaren, stilprägenden Meisterwerk des italienischen Malers Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio (1571-1610), noch ein anders Bild befindet, war bereits auf vor Jahrzehnten gemachten Röntgenaufnahmen zu sehen. Worauf genau der Künstler um das Jahr 1600 aufgesetzt hat, ist aber seit vielen Jahren „eine offene Frage“ der Kunstgeschichte, sagte Elke Oberthaler, Leiterin der Restaurierwerkstatt der Gemäldegalerie des KHM.

Ohne Hand an das Meisterwerk legen zu müssen, konnte man bisher kaum zu tiefergehenden Einsichten gelangen. Mit dem seit Februar im Haus am Ring im Einsatz befindlichen „Crono Macro-XRF-Scanner“ können die Experten nun mittels Röntgenfluoreszenzspektroskopie - eine Methode, die gegenüber dem klassischen Röntgen wesentlich differenziertere Bilder liefert - ganz ohne die zerstörerische Entnahme von Proben unter die Gemäldeoberfläche schauen. Das war punktuell zwar bisher schon möglich, das neue Gerät erlaubt jetzt aber auch das Abscannen größerer Bildteile.

„Wir erhalten hier die Verteilungen der einzelnen Elemente“, so Katharina Uhlir vom Naturwissenschaftlichen Labor des KHM. So weist etwa Quecksilber auf Rotpigmente hin, Zinn auf gelbe, Blei auf weiße oder Kupfer auf blaue und grüne Pigmente. Unterschiedliche Elementverteilungen lassen dann wiederum Rückschlüsse auf die Zeit, in der ein Bild gemalt wurde, oder die Arbeitsweise des Künstlers zu. Gegenüber herkömmlichen Untersuchungen werde nun „deutlich mehr sichtbar“ - also etwa, wo es Übermalungen gibt und wie diese ausgesehen haben, so Oberthaler.

Darauf lag auch der Fokus bei der Analyse von Caravaggios „David mit dem Haupt des Goliath“, das ab 15. Oktober auch eines der Hauptwerke der Schau „Caravaggio & Bernini“ (bis 19. Jänner 2020) sein wird. Die älteren Röntgenaufnahmen ließen bereits eindeutig ein darunterliegendes Gemälde erahnen, das um 90 Grad gedreht war. Dabei handle es sich zwar mit Sicherheit nicht um ein älteres Werk Caravaggios, „allerdings konnte man über dessen Zusammensetzung so gut wie nichts sagen“, so Oberthaler.

Jetzt sei klar, welch unterschiedliche künstlerische Herangehensweisen sich in den verschiedenen Lagen des „recycelten Bildträgers“ finden. Während der unbekannte Erstbemaler auf viel Farbe setzte, dominieren bei Caravaggio vor allem Erdpigmente wie Umbra sowie Bleiweiß, mit denen er sein so richtungsweisendes Licht-Schatten-Spiel umsetzte. „Stilistisch sind die beiden Bilder einfach ganz anders. Trotz dieser wenigen und einfachen Materialien hat das Bild eine irrsinnige Wirkung“, so die Leiterin der Restaurierwerkstatt.

Während der Scan rund zwei Wochen dauerte, brauche die Auswertung und vor allem die Interpretation sicher deutlich länger. Anhand der neuen Daten lasse sich das seit Jahrhunderten übermalte Bild am Computer und in Farbe theoretisch sogar wieder rekonstruieren.

„Das ist ein neuer Schritt in der Gewinnung von Daten über Gemälde“, vor allem, weil man auch Einblicke in den Werkprozess und ästhetische Entscheidungen erhalte, „die mit naturwissenschaftlichen Methoden erst ans Licht geholt werden“, sagte Stefan Weppelmann, Direktor der KHM-Gemäldegalerie. Diese Erkenntnisse seien auch ein Vehikel dafür, dass man sich in Forschung und musealer Präsentation jetzt wieder stärker auf die Werke selbst konzentriere. Das mache auch die Museen „zu einem dynamischen Ort“, weil sich etwa auch die Budgetpolitik an die technischen Anforderungen anpassen müsse oder sich die Berufsbilder des Kunsthistorikers oder Restaurators stark verändern, so Weppelmann.

„David mit dem Haupt des Goliath“ mit seinem „dramatischen Close-up und seiner gewaltigen Gefühlsexplosion“ illustriere das Motto „Die Entdeckung der Gefühlte“ der in Kooperation mit dem Rijksmuseum Amsterdam entwickelten Ausstellung wie kaum ein anderes Werk. Caravaggio und in der Bildhauerei eben Gian Lorenzo Bernini (1598-1680) seien gewissermaßen „die Protagonisten“ dieser Bewegung hin zur virtuosen und intensiven Darstellung menschlicher Regungen. Naturwissenschaftliche Fakten und Einsichten hin oder her - vor allem für diese beiden alten Meister gelte: „Viele Werke können an Komplexität enorm zulegen, je länger man sie anschaut“, sagte Weppelmann. Wer sich in Wien nicht stattsehen kann, erhält ab Februar kommenden Jahres einen üppigen Nachschlag der Schau, die dann in die Niederlande übersiedelt.




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