Letztes Update am Mo, 22.07.2019 13:52

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Mindestens 23 Tote bei Luftangriffen in Nordsyrien



Nur einen Tag nach einem tödlichen Angriff in der nordsyrischen Rebellenbastion Idlib sind dort erneut zwei Dutzend Menschen bei einem Luftangriff getötet worden. Bei dem Bombardement eines Gemüsegroßmarkts in der Stadt Maaret al-Numan habe es mindestens 23 Tote gegeben, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Montag mit.

Unter den Opfern seien mindestens 19 Zivilisten, vier Tote seien noch nicht identifiziert, erklärte die Beobachtungsstelle. 45 weitere Menschen seien bei dem Luftangriff verletzt worden. Die Opferzahl könne noch steigen, da weitere Opfer unter den Trümmern vermutet wurden, warnte die oppositionsnahe Organisation, die ihre Informationen von Aktivisten vor Ort bezieht. Für Medien sind sie meist kaum zu überprüfen.

Auf dem Markt in Maarat al-Numan bargen Rettungskräfte der Zivilschutzorganisation der Weißhelme auf Tragen oder Matratzen blutüberströmte Opfer aus den Trümmern, wie ein Fotograf berichtete. Anwohner flohen teils barfuß mit ihren Kindern aus der Region, während zwischen dem Schutt ein lebloser Körper lag. Laut den Weißhelmen wurde auch einer ihrer freiwilligen Helfer getötet.

Wie auch die Weißhelme machte die Beobachtungsstelle russische Kampfflugzeuge für den Angriff verantwortlich, doch wies Moskau den Vorwurf zurück. „Die Erklärungen anonymer Vertreter der von Großbritannien und den USA finanzierten Organisation der Weißhelme zu einem angeblichen Angriff russischer Flugzeuge auf einen Markt in Maarat al-Numan sind falsch“, erklärte das russische Verteidigungsministerium.

Der Angriff erfolgte nur einen Tag nach einem russischen Luftangriff auf die Stadt Khan Sheikhoun mit 18 Toten. Unter den Opfern des Angriffs im Süden der Rebellenbastion Idlib waren laut den Weißhelmen neben sieben Kindern auch der 22-jährige Bürgerjournalist Anas al-Dyab, der als Video- und Fotojournalist tätig war.

Moskau ist im syrischen Bürgerkrieg ein Verbündeter der Regierung. Russische und syrische Flugzeuge fliegen immer wieder Angriffe auf das Rebellengebiet rund um die Stadt Idlib. Erst am Sonntag waren bei Bombardierungen nach Angaben der Menschenrechtsbeobachter mindestens elf Zivilisten getötet worden. Dominiert wird das Rebellengebiet von der Al-Kaida-nahen Miliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS). Dort leben etwa drei Millionen Menschen, rund die Hälfte davon Vertriebene.

Aktivisten zufolge stieg in Maarat al-Numan schwarzer Rauch über dem Stadtzentrum auf. Ihnen zufolge flogen Kampfflugzeuge vier Angriffe hintereinander auf dieselbe Gegend. Die Aktivisten veröffentlichten das Video einer verschleierten Frau, die US-Präsident Donald Trump auf Englisch mit amerikanischem Akzent dazu aufruft, das „Massaker gegen Zivilisten“ zu stoppen.

Der Nordwesten ist die letzte große Hochburg der Opposition gegen Präsident Bashar al-Assad. Al-Assad hat geschworen, das ganze Land zurückzuerobern, konnte in den vergangenen Wochen aber kaum militärische Erfolge verzeichnen. Der Beobachtungsstelle zufolge hat sich die Zahl der Zivilisten, die von syrischen Regierungskräften oder den mit ihnen verbündeten russischen Einheiten bei Bombenangriffen im Nordwesten getötet wurden, seit Ende April auf 682 erhöht. Umgekehrt seien 53 Zivilisten durch Rebellenangriffe auf staatliche Gebiete getötet worden. Hinzu kämen etwa 1.500 Kämpfer auf beiden Seiten, die in diesem Zeitraum ums Leben kamen.

In Idlib und angrenzenden Regionen gilt seit vergangenem September eigentlich eine Waffenruhe. Die Truppen von Machthaber Bashar al-Assad und ihre russischen Verbündeten gehen seit Ende April aber wieder verstärkt gegen Jihadisten und andere Rebellen vor. Der Großteil von Idlib wird von der Jihadistenallianz Hayat Tahrir al-Sham (HTS) dominiert, die aus dem syrischen Al-Kaida-Ableger hervorgegangen ist.

Zehntausende Menschen wurden bereits in die Flucht getrieben und zwei Dutzend Kliniken zerstört. Idlib ist die letzte Provinz in Syrien unter Kontrolle der Rebellen. Drei Millionen Menschen leben in der ländlichen Region an der Grenze zur Türkei, darunter Hunderttausende Flüchtlinge. Experten gehen davon aus, dass die Assad-Truppen nicht die Einnahme der gesamten Region anstreben, sondern nur einzelne Gebiete erobern wollen.

Zwei Kardinäle des Vatikans reisten am Montag nach Damaskus, um Präsident Assad zu treffen. Wie der Vatikan mitteilte, überbrachten sie dabei einen Brief von Papst Franziskus, in dem dieser „seine tiefe Besorgnis über die humanitäre Situation in Syrien ausdrückt, insbesondere über die dramatischen Bedingungen der Zivilbevölkerung von Idlib“.




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