Letztes Update am Di, 23.07.2019 14:53

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Junger Iraker als Vierfachmörder vor Wiener Geschworenen



Ein außergewöhnlicher Mordprozess hat am Dienstag am Wiener Landesgericht stattgefunden. Ein 23-jähriger Mann musste sich als angeblicher Vierfachmörder vor einem Schwurgericht verantworten. Der aus dem Irak stammende Angeklagte soll mit 17 in seiner Heimat seine Großmutter, die Frau seines Onkels und zwei Cousinen erstochen haben.

Der 23-Jährige erschien zu seiner Verhandlung allerdings als freier Mann. Mehrere Freunde eskortierten ihn in den Gerichtssaal und schirmten ihn vor Medienvertretern ab. Anschließend versicherte er in erstklassigem Deutsch - er befindet sich seit 2016 in Österreich - dem Schwurgericht (Vorsitz: Daniel Rechenmacher), er habe die Bluttat nicht begangen. Er sei seinerzeit als vermeintlicher Mörder in seiner Heimat festgenommen worden. Die irakische Polizei habe ihn aber schwer gefoltert und ihn zu einem Geständnis vor einem Richter gezwungen, das sogar im irakischen Fernsehen übertragen wurde. Das Dokument ist nach wie vor auf Youtube abrufbar.

Das Schwurgericht sah sich das Youtube-Video an, das die irakischen Behörden Ende April 2013 mit dem damals 17-Jährigen aufgezeichnet hatten. Darauf ist ein sichtlich verschreckter Jugendlicher zu sehen, der in kurzen Worten schildert, wie er vier Familienmitglieder getötet hat. Das Video wirkt gespenstisch, nach Angaben des Angeklagten wurde es ihm unter Folter abgepresst. Ein - nicht im Bild ersichtlicher - Polizist unterbricht den 17-Jährigen mehrfach mit Fragen und Zwischenbemerkungen, ein Mal wird er laut, worauf der Jugendliche seine Antwort korrigiert.

Im Anschluss sagten die Ex-Freundin des mittlerweile 23-Jährigen, sein Arbeitgeber und der Leiter eines Sportvereins als Zeugen aus, an dem der junge Iraker unterrichtet. Ihnen allen hatte der Mann von den gegen ihn gerichteten Mordvorwürfen in seiner ursprünglichen Heimat erzählt, der jungen Frau und seinem Chef im Sportverein bald nach dem Kennenlernen. Übereinstimmend betonten die Zeugen aus, dem Angeklagten sei ein Kapitalverbrechen nicht zuzutrauen.

Die österreichischen Behörden hatten von dem Vierfachmord und den damit verbundenen Anschuldigungen gegen den 23-Jährigen 2016 erfahren, als der Mann noch in einem Asylwerberheim untergebracht war. Ein Mitbewohner meldete der Polizei das Youtube-Video, worauf der Iraker festgenommen wurde.

Fest steht, dass die vier weiblichen Familienmitglieder des Mannes im April 2013 in ihrem Haus in der Nähe von Mossul getötet wurden und dass sich der damals 17-Jährige im Tatzeitpunkt im Haus befand. Er hatte die Großmutter besucht. Er behauptet, er könne sich nur mehr erinnern, wie er am Küchentisch saß und seine Großmutter in den Nebenraum zum Beten ging. Dann setze seine Erinnerung aus - möglicherweise, weil er einen Schlag auf den Kopf bekommen habe. Seine Erinnerung setze wieder in einem Spital in Mossul ein, wo er mit Verletzungen und Schmerzen am ganzen Körper zu sich gekommen sei.

Wenig später sei er von der Polizei im Krankenhaus festgenommen worden, setzte der Angeklagte fort. Bereits auf der Fahrt zur Polizeistation habe man ihn geschlagen, danach schwerer Folter unterzogen. „Sie haben das alles gesehen, in Hollywood-Filmen. Es ist anders, wenn man das erlebt“, sprach der 23-Jährige die Geschworenen direkt an. Im Anschluss schilderte er detailliert, wenn auch stockend die Folter-Methoden, denen er ausgesetzt war. Unter anderem erzählte er, wie Zigaretten an ihm ausgedämpft wurden. Nachher habe sich der betreffende Polizist die Zigarette immer wieder angezündet und „Deine Haut schmeckt gut“ gesagt.

Um weiteren Misshandlungen zu entgehen, habe er schließlich das ihm vorgegebene Geständnis auswendig gelernt und später vor dem Richter wiederholt. Diesem Geständnis zufolge soll der damals 17-Jährige den Vierfachmord begangen haben, weil er auf den Familienschmuck aus war und unter Lernstress stand - der Bursch stand kurz vor der Matura.

Der Angeklagte stammt allerdings aus besten Verhältnissen - sein Vater arbeitete als leitender Ingenieur in einer Zementfabrik, seine Mutter als Englischlehrerin. Der Vater hatte ihm kurz zuvor ein Grundstück geschenkt. „Ich habe alles bekommen, was ich mir gewünscht habe“, versicherte der 23-Jährige dem Gericht. Und mit dem Lernen habe er sich nie schwergetan - eine Behauptung, die sein Werdegang in Österreich zu bestätigen scheint. Nach drei Jahren in Wien spricht der Mann perfekt Deutsch, hat eine Lehre zum Bürokaufmann absolviert und einen Job gefunden. Bei seinem Freundeskreis, der ihn zum Prozess begleitete, handelt es sich zum größten Teil um gebürtige Österreicher.

Nach dem auf Video festgehaltenen Geständnis war der 17-Jährige von der Polizei in ein Gefängnis in Mossul gebracht worden, wo er mehr als 14 Monate in einer eineinhalb Meter großen Zelle einsaß, ohne dass gegen ihn Anklage erhoben worden wäre. Dann nahm die Terror-Miliz „Islamischer Staat“ (IS) die Stadt ein. Der IS hätte „alle Gefangenen befreit“, schilderte der 23-Jährige: „Sie haben einfach die Tür aufgemacht und wir sind rausgegangen.“ Er sei mit einem Taxi zu seinen Eltern gefahren. Gemeinsam mit diesen sei er dann in die Türkei geflüchtet. Während diese dortblieben, setzte er allein seine Flucht nach Österreich fort - er hätte sich in der Türkei nicht sicher gefühlt, erläuterte der junge Mann.

Auf die Frage, weshalb er in seinem Asylverfahren den ihm unterschobenen Mord nicht erwähnte, meint der 23-Jährige, er habe befürchtet, dann in den Irak abgeschoben zu werden. Tatsächlich trat der Irak an die österreichischen Behörden heran und verlangte die Auslieferung des vermeintlichen Vierfachmörders. Diesem wurde nicht Folge geleistet, da dem 23-Jährigen im Fall einer Verurteilung in seiner Heimat die Todesstrafe drohen würde. Daher leitete die Staatsanwaltschaft Wien ein Inlandsverfahren ein, der Iraker wurde in Wien in Untersuchungshaft genommen.

Nach neunmonatiger U-Haft wurde er dank seines Verteidigers Andreas Strobl auf freien Fuß gesetzt. Die irakischen Behörden hatten ein Rechtshilfeersuchen der Wiener Justiz, die um die Übermittlung der Unterlagen der irakischen Strafverfolgungsbehörden gebeten hatte, weitgehend unbeantwortet gelassen. Teile des Akts landeten schließlich über einen Verbindungsbeamten der österreichischen Botschaft in Jordanien in Wien - das Konvolut enthielt aber kein einziges Originaldokument und war offensichtlich unvollständig.

So lieferte Verteidiger Strobl in der Verhandlung am Dienstag Protokolle mit den Angeklagten entlastenden Aussagen dessen nach, die seinerzeit im Irak von der Polizei vernommen worden waren. Strobl legte auch Dokumente vor, die die Grundstücksübertragung an den Sohn und die beruhigenden Vermögensverhältnisse der Familie belegten. „Für irakische Verhältnisse waren sie reich. Warum hätte er seine Großmutter umbringen sollen, die er geliebt hat?“, gab der Anwalt zu bedenken.

Zuguter letzt machte Strobel noch auf einen wesentlichen Umstand aufmerksam. Laut irakischer Polizei hatte der Täter am Tatort Blutspuren hinterlassen, wobei dieser die Blutgruppe null aufgewiesen habe. Einem Befund eines Wiener Blutlabors vom 19. Juli 2019 zufolge hat der Angeklagte die Blutgruppe AB negativ.

Am früheren Nachmittag zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück. Sollte der Angeklagte im Sinne der Anklage schuldig erkannt werden, drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft, da für ihn das Jugendgerichtsgesetz zur Anwendung käme. Mit dem Urteil dürfte am späten Nachmittag zu rechnen sein.




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