Letztes Update am Mi, 24.07.2019 13:21

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Arzt in OÖ unter Missbrauchsverdacht - „Ausmaß erschreckend“



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Der Fall eines oberösterreichischen Arztes, der zumindest 95 Kinder missbraucht haben soll, lässt Experten nicht kalt: „Er hat mich erschreckt“, sagte Christine Winkler-Kirchberger, die als Leiterin der Kinder- und Jugendanwaltschaft (KiJA) OÖ häufig mit dem Thema Missbrauch konfrontiert ist. Es falle ihr schwer zu glauben, dass sich erst nach 19 Jahren erstmals ein Kind jemandem anvertraut hat.

Winkler-Kirchberger erklärte sich das im Gespräch mit der APA damit, dass sich oft „eine eigene Dynamik“ zwischen Täter und Opfer entwickeln würde, durch die es Kindern schwer falle, sich jemandem mitzuteilen. Sie erinnerte an den Fall des Kärntner Kinderarztes Franz Wurst, der zahlreiche Kinder missbraucht hatte und ebenfalls erst nach langer Zeit aufgeflogen ist (Wurst hatte darüber hinaus seinen Patensohn zum Mord an seiner Frau angestiftet, Anm.).

Bei der KiJA sei der aktuelle Fall erst im Jänner aufgeschlagen, ab da habe es vermehrt Anfragen gegeben, schilderte Winkler-Kirchberger. Kurz darauf war der Arzt in Untersuchungshaft genommen und der Fall - wenn auch noch nicht in der aktuellen Dimension - öffentlich bekannt geworden. Die Mutter jenes Buben, der sich offenbar als erster jemandem anvertraut und die Ermittlungen so in Rollen gebracht hat, schilderte am Mittwoch gegenüber mehreren Medien, dass sie damit zu kämpfen habe, nie etwas bemerkt zu haben. Sie war offenbar beim ärztlichen Aufklärungsgespräch noch dabei, bei den weiteren Untersuchungen aber nicht mehr.

Die Anzeichen für sexuellen Missbrauch sind nicht immer leicht zu erkennen, es gibt aber eine lange Liste von Auffälligkeiten, auf die man achten kann und die die KiJA zusammengefasst hat: Bei direkten körperlichen Symptomen wie Schmerzen, Rötungen oder Schwellungen im Genital- und Analbereich ist ärztliche Hilfe nötig. Oft gibt es aber unterschwellige Äußerungen: Schlafstörungen, Albträume oder diffuse Ängste können ein Hinweis sein. Manche Kinder spielen mit Puppen nach, was ihnen selbst geschehen ist, verwenden neue oder ungewöhnliche Namen für ihre Genitalien oder benutzen plötzlich eine sexualisierte Sprache. Oft kommt es auch zu einem sozialen Rückzug, Schulproblemen, dem Vernachlässigen des Äußeren oder zu Selbstverletzungen.

Wichtig sei aber auch die Prävention und für diese seien zwei Punkte essenziell, erklärte Winkler-Kirchberger: Zum einen brauchen die Kinder Vertrauenspersonen, zum anderen müsse man ihr Selbstbewusstsein stärken. Wichtig sei, dass Kinder ihre Körperteile benennen können, sexuelle Aufklärung früh und nicht im Schnellsiedeverfahren erhalten, und dass sie dazu ermutigt werden, Gefühle zuzulassen und Eltern ihr „Nein“ akzeptieren. „Das beginnt von klein an.“ Dann können Kinder sexuelle Übergriffe auch leichter selbst einordnen.

Nötig seien zudem Vertrauenspersonen. In vielen Fällen seien das die Eltern, aber auch Großeltern, andere Verwandte oder Freunde und Freundinnen können diese Rolle übernehmen. Zudem helfen Beratungsstellen: An die KiJA würden sich z.B. Kinder ab acht Jahren wenden, sagte deren Leiterin. Manche nutzen die Workshops, die die Einrichtung an Schulen veranstaltet, und vertrauen sich dort Mitarbeitern an. Gut angenommen werde auch eine WhatsApp-Beratung.

Über diesen eher anonymen Kanal bauen die Sozialarbeiter allmählich Vertrauen auf, bis es dann zu einem persönlichen Gespräch kommt. Vertraulichkeit sei absolut wichtig, so Winkler-Kirchberger. Experten raten außerdem dazu, Ruhe zu bewahren und nicht vorschnell zu handeln. Denn Überreaktionen oder nicht durchdachtes Vorgehen können das Kind weiter traumatisieren. Die Betroffenen müssen zuerst gut informiert werden, was etwa im Fall einer Anzeige auf sie zukommt, betonte Winkler-Kirchberger. Gehe man zu rasch vor, bestehe die Gefahr, dass die Betroffenen dann nicht mehr aussagen.

„In dieser negativen Dimension habe ich persönlich noch keinen ähnlichen Fall erlebt“, sagte auch Susanne Gahler von der Landesstelle Oberösterreich der Opferschutzorganisation Weißer Ring am Mittwoch im APA-Gespräch. Für die relativ jungen Opfer sei es sehr schwierig gewesen, die Situation richtig einzuschätzen, meinte die Juristin, die in der psychosozialen Prozessbegleitung tätig ist.

Die Organisation betreut derzeit mehrere Betroffene im Fall eines Arztes aus dem Salzkammergut. Pauschale Maßnahmen zur Verhinderung solcher Übergriffe gebe es nicht, betonte Gahler. „Die Betroffenen waren zu der Zeit relativ jung, ein Kind kann nur schwer einschätzen, ob das jetzt ein Teil der Untersuchung oder ein sexueller Übergriff ist.“ Es kämen verschiedene Faktoren zusammen, dass Missbrauchsopfer nicht oder erst spät über Übergriffe sprechen. „Die Betroffenheit ist auch in den Familien groß, die Eltern machen sich natürlich Vorwürfe.“ Dass Mutter oder Vater das Kind zum Arzt hinbegleite, sei klar, aber „wieso sollte man mit hineingehen zu den Untersuchungen?“

Der Weiße Ring berät die Betroffenen, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt, wie Opferrechte gewahrt werden und bietet Prozessbegleitung an. Wenn gewünscht, wird an andere Hilfsorganisationen weitervermittelt. „Wir schauen, was braucht das Opfer jetzt. Aber jede Familie entscheidet selbst, wie sie mit der Situation umgeht“, erklärte Gahler. Erfahrungsgemäß werde das Angebot gut angenommen.

Von Missbrauch Betroffene - auch im konkreten Fall aus Oberösterreich - können sich an jede Polizeiinspektion wenden oder etwa auch an die Staatsanwaltschaft Wels, rät Gahler. Weitere Informationen bieten außerdem die Berater und Beraterinnen, die beim Opfernotruf des Weißen Rings täglich kostenfrei unter der Telefonnummer 0800-112-112 erreichbar sind.




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