Letztes Update am Fr, 26.07.2019 11:53

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wiener Popfest: Am Ende ging es um die Wurst



Vom Songcontest-Siegespodest und über den Umweg der internationalen Glamourwelt auf die Ententeich-Bühne am Wiener Karlsplatz: Am Donnerstagabend gab Tom Neuwirth den Open-Air-Headliner zum Auftakt des 10. Popfests und präsentierte erstmals live sein Post-Conchita-Projekt Wurst. Wobei: Ganz ohne Referenz auf die frühpensionierte Diva ging es dann doch nicht.

Im März hat Wurst seine erste Single „Trash All The Glam“ herausgebracht - und die Nummer steht gleich zu Beginn des einstündigen Sets. Was folgt, sind erst einmal eine Handvoll eher glatt gestrickter Popnummern mit souligem Einschlag, die das zahlreich erschienene, aber von drückender Hitze merkbar geräderte Publikum - zu Konzertbeginn um 22.00 Uhr zeigt das Thermometer immer noch an die 30 Grad an - fleißig akklamiert.

Bandtechnisch dürfte Neuwirth nach dem Motto „Doppelt hält besser“ vorgegangen sein: Zwei Keyboards, zwei Gitarren, zwei Backgroundsängerinnen. Nur der Schlagzeuger muss solo werken. Die neuen Songs klingen weniger dramatisch, weniger theatralisch als jene von Conchita, auch wenn Neuwirth stimmlich dem Falsett großteils treu geblieben ist.

Klar: Die langen Haare sind ab, die schicken Roben eingemottet. Der Spaß am Spiel mit Trash und Glamour zwischen den Geschlechtergrenzen geht aber munter weiter. Schnittige Kurzhaarfrisur - ja, die Glatze ist schon wieder passe - und Bart treffen auf glitzerumrandete Augen. Das „Fast-Rider“-T-Shirt im XXL-Format samt flammenumzüngeltem rotem Boliden ziert goldener Saum. Bis auf kniehohe Stiefeletten verzichtet Wurst auf jegliches Beinkleid.

Deutlich an Fahrt gewinnt der Gig in der zweiten Hälfte, wenn es mehr Richtung Disco geht. Dazwischen ein Cover von Princes „Purple Rain“. „Die ‚Conchi‘ is im Kast‘n“ hat Neuwirth eine dreiviertel Stunde vorher im oberösterreichischen Dialekt gemeint. Als vorletzte Nummer muss aber dann doch noch „Rise Like A Phoenix“ her - jener Song, der Conchita 2014 den Songcontest-Sieg beschert hat. Und mit „Hit Me“, der jüngsten Wurst-Single, ist kurz nach 23.00 Uhr Schluss auf der Seebühne vor der barocken Karlskirche.

Insgesamt 25.000 Besucher kamen laut Veranstalter zum Eröffnungsabend, wobei Wurst sicherlich der Publikumsmagnet war. Deutlich lockerer stand man zuvor bei der türkisch-deutsch-österreichischen Rapperin Ebow und der stimmgewaltigen Soulsängerin Lylit, die im Übrigen auch alle Songs des im Herbst erscheinenden Wurst-Albums geschrieben hat.

Beide Acts lieferten solide Auftritte, die aber trotzdem nicht so recht zünden wollten. Das mag im Fall von Ebow wohl am frühen Slot und der hitzebedingten Trägheit gelegen haben, bei Lylit eher daran, dass ihre ausgetüftelten Stücke vielleicht ein Stück weit zu sophisticated für die - doch auch von viel Laufkundschaft frequentierte - große Open-Air-Stage sind. Durchaus mutig jedenfalls von den beiden diesjährigen Kuratorinnen Yasmo und Mira Lu Kovacs, den Auftakt auf der Hauptbühne nicht mit eingängigerem Gitarrenpop zu programmieren.

70 Acts stehen noch bis Sonntag auf den insgesamt zehn Bühnen des Popfests, das bei freiem Eintritt besucht werden kann. Denn neben der Freiluftbühne locken wieder zahlreiche Indoor-Locations teils bis in die Morgenstunden zu Auftritten. Dazu gibt es heuer - und nur heuer - eine Festivalzentrale im umbaubedingt leergeräumten Wien Museum. Während das Atrium mit Singer-Songwritern bespielt wird, ist im ersten Stock in der „Hall of Fame“ eine Bühne für Poetry-Slam, Open-Mic und Podiumsdiskussionen eingerichtet. Das Wetter bleibt zumindest für den heutigen Tag 2 heiß und trocken. Ab Samstag kann es dann gewittrig werden.




Kommentieren