Letztes Update am Fr, 26.07.2019 21:41

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Hagel stoppte Tour-Etappe - Bernal neuer Spitzenreiter



Ein Hagelunwetter hat am Freitag die Rad-Asse der Tour de France auf der 19. Etappe vor dem Schlussanstieg nach Tignes gestoppt. Die Jury brach das Rennen ab, als sich die Besten der Gesamtwertung in der Abfahrt vom Col de l‘Iseran befanden und werteten die Zeiten oben auf dem Pass (2.770 m). Der Kolumbianer Egan Bernal übernahm als Tagesbester die Gesamtführung vom Franzosen Julian Alaphilippe.

Der erst 22-jährige Bernal hatte sich am Vortag vor seinen Teamkollegen und Vorjahressieger Geraint Thomas an die zweite Stelle der Gesamtwertung geschoben, auf der zweiten der drei Alpenetappen setzte er nach. Im Anstieg zum höchsten Punkt der 106. Auflage attackierte der Führende der Jungprofi-Wertung, schloss zu einer Spitzengruppe auf und passierte den Iseran vor dem Briten Simon Yates als Erster. Eine Gruppe mit den Mitfavoriten Geraint Thomas, Steven Kruijswijk und Emanuel Buchmann lag rund eine Minute zurück, Alaphilippe hatte rund zwei Minuten eingebüßt.

Während der 27 Kilometer langen Abfahrt erfuhr die Rennleitung von einem starken Unwetter vor dem Schlussanstieg nach Tignes. Die Strecke war wegen Hagels und einer Schlammlawine an mehreren Stellen unpassierbar, das vorzeitige Ende der Etappe unausweichlich. Nach dem Iseran wären noch 37,5 Kilometer zu absolvieren gewesen. „Es war unpassierbar“, erklärte Tour-Direktor Christian Prudhomme. „Es blieb nichts Anderes übrig. Gegen die Natur ist man machtlos.“

Das Unwetter vom Freitag hat auch Auswirkungen auf die Samstag-Etappe. Der ursprüngliche 130-km-Abschnitt von Albertville zur Bergankunft in Val Thorens wurde wegen eines Erdrutsches von den Veranstaltern auf 59 km verkürzt. Die neue Strecke lässt den Anstieg zum Cormet de Roselend (1. Kategorie) aus und führt direkt zum langen Schlussanstieg.

Bernal, der heuer schon Paris-Nizza und die Tour de Suisse gewonnen hat, nimmt die dritte und entscheidende Bergetappe mit einem 33 km langen Schlussanstieg nach Val Thorens mit 48 Sekunden Vorsprung auf Alaphilippe in Angriff. Der 27-Jährige, der das Trikot 13 Tage getragen hatte, profitierte wohl vom vorzeitigen Ende. Denn im acht Kilometer langen Schlussanstieg nach Tignes hätte Bernal wohl einen noch größeren Vorsprung herausgeholt.

Hinter dem Franzosen folgen der Brite Thomas (+1:16 Min.), der Niederländer Kruijswijk (1:28) und der Deutsche Buchmann (1:55), der bis kurz vor der Passhöhe von seinem Bora-Teamkollegen Gregor Mühlberger unterstützt wurde. Patrick Konrad, der zunächst Mitglied einer Spitzengruppe gewesen war, war im Anstieg schon früher zurückgefallen.

Bernal könnte als erster Kolumbianer bei der Tour triumphieren sowie die Serie des Teams von Dave Brailsford (Ineos, zuvor Sky) fortsetzen und als vierter Fahrer für den siebenten Sieg in den vergangenen acht Jahren sorgen. Zuvor hatten Bradley Wiggins, David Froome (vier Mal) und Thomas das wichtigste Radrennen der Welt für den britischen Rennstall gewonnen. „Ich kann es nicht glauben. Als ich das Gelbe Trikot bekommen habe, musste ich weinen“, sagte Bernal. „Aber wir sind noch nicht in Paris, es wartet noch eine sehr harte Etappe.“

Alaphilippe meinte, er habe sich nichts vorzuwerfen. „Ich glaube nicht, dass das Gelbe Trikot noch möglich ist. Ich bin von einem Stärkeren besiegt worden, so ist das“, erklärte der Weltranglisten-Erste, der erstmals in der Gesamtwertung einer dreiwöchigen Rundfahrt vorne mitgemischt hatte. Der 27-Jährige habe das erwartet. „Ich habe das Maximum gegeben. Es war ein Traum, das Trikot zu tragen, ich habe diesen Traum länger gelebt als erhofft, und ich habe jeden Tag gekämpft, um es zu behalten. Ich habe vom ersten Augenblick an im Maillot Jaune geträumt, aber ich habe nie geglaubt, dass ich die Tour gewinnen kann.“

Alaphilippes Landsmann und Mitfavorit Thibaut Pinot, der Etappensieger auf dem Tourmalet, hatte zuvor als Gesamt-Fünfter wegen einer Muskelverletzung im linken Oberschenkel aufgeben müssen. Der Mitfavorit und Hoffnungsträger der Grande Nation auf den ersten heimischen Gesamtsieger seit Bernard Hinault 1985 stieg weinend vom Rad. „Ich habe nach den Pyrenäen gespürt, dass ich in der Lage bin, es zu schaffen. Aber man weiß es nie. So ist die Tour“, betonte der 29-Jährige.

Pinot hatte es zwei Tage zuvor bei einem Beinahe-Sturz den Lenker seines Rades gegen das Bein geschlagen. Am Donnerstag kam er noch halbwegs gut durch, doch die Probleme wurden größer. Er verlor schon früh den Anschluss an die Besten und musste kapitulieren.




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