Letztes Update am Sa, 27.07.2019 10:33

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Currentzis‘ zorniges Match mit dem Krieg



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Teodor Currentzis lauscht dem Leben und Sterben stets unter Hochspannung. Er befragt Schostakowitsch über den Krieg - und dieser antwortet. Am Freitag am Vorabend der offiziellen Eröffnung der Salzburger Festspiele, verklang die „Leningrader“ Symphonie unter gewaltigem Jubel. Dabei hat der greco-russische Dirigent und Festspielliebling mit dem SWR Orchester auch Längen zugelassen.

Seit 2018 ist er Chefdirigent des erst kürzlich neu gegründeten - aus zwei SWR Klangkörpern zusammengelegten - Symphonieorchesters, das erste Mal, dass Currentzis eine Chefposition fernab seines Stammensembles musicAeterna angenommen hat. Und ja, der Zauber des charismatischen Emotionskünstlers wirkte auch hier, wie die erste gemeinsame Saison gezeigt hat. Mit Einschränkungen. Denn mit musicAeterna, dem von ihm selbst gegründeten Orchester aus Perm, musiziert Currentzis mit einem manisch-sektiererischen Impetus, der nicht nur durch das Tragen von Kutten und das Stehen der Streicher verstärkten einem drängenden instrumentalen Perfektionismus im Detail. Dieses Orchester dolmetscht seine rasante Gefühlschoreografie in Echtzeit - und umgekehrt.

Dagegen kommt es mit dem SWR zu Brüchen und Verschiebungen - zwischen dem hohen emotionalen Gehalt, den Currentzis mittels Hingabe an die Extreme aus dieser mitten im Krieg und während der Belagerung Leningrads entstandenen Musik pressen will, und dem sehr guten, ambitionierten, aber nie überraschenden Spiel des Rundfunkorchesters. Dabei setzt man durchaus - optische - Akzente. Die Idee, teilweise ebenfalls stehend zu spielen, sei von den Musikern gekommen, heißt es - und so stand man am Höhepunkt sorgfältig aus dem Pianissimo hergeleiteter Marschkaskaden schließlich immer wieder für ein paar Takte auf. Eine Inszenierung, die bei einigen wenigen Musikern organisch und dramatisch, bei vielen anderen wie eine lästige, einstudierte Emphase wirkte.

Und auch Currentzis selbst, der seine mit dem „Tito“ 2017 begonnene und mit sämtlichen Beethoven-Symphonien im Vorjahr fortgeschriebene Salzburger Erfolgsgeschichte gleich heute Abend mit der Eröffnungsoper, Mozarts „Idomeneo“, zu verteidigen antritt, schien mitunter seltsam schaumgebremst. Blieb im Zwiegespräch mit Schostakowitsch vor allem in den mittleren Sätzen mehr Zuhörer als Gestalter - trotz aller wirkungsvoller Dramaturgie, die er zweifelsohne klug zu bauen weiß. Leise, und noch leiser. Laut ohne Ende und Erbarmen in der klirrenden, harten Mechanik des Kriegsgeschehens. Dann flackert Intensität auf, die weiche Knie macht, in diesem trotzigen, zornigen Match mit dem Krieg. Dann ist er da, der Currentzis-Effekt, der das Publikum beim Verklingen des letzten Tones jubelnd aus den Sesseln reißt. Großer, langer Applaus auch von den Musikern für ihren Chef.




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