Letztes Update am Sa, 27.07.2019 19:12

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tanzpionier Johann Kresnik im Alter von 79 Jahren verstorben



Er war einer der etablierten Größen des Tanztheaters und blieb doch ein ewiger Provokateur seiner Zunft: Johann Kresnik. Am Samstag ist einer der Pioniere des zeitgenössischen Tanzes überraschend im Alter von 79 Jahren im Klinikum Klagenfurt an Herzversagen verstorben, wie seine Familie der APA mitteilt.

Der gebürtige Kärntner, mit dessen adaptierter „Macbeth“-Deutung erst vor wenigen Tagen das laufende ImPulsTanz-Festival in Wien eröffnet wurde, galt bis zuletzt als Einzelerscheinung in der Theaterwelt, war ein hoch angesehener Regisseur und Choreograf, der zugleich auch im hohen Alter nichts von seinem Furor verloren hatte.

Das lag vielleicht nicht zuletzt daran, dass Kresnik das Tanzen und die damit verbundene Welt alles andere als in die Wiege gelegt war, wurde er doch am 12. Dezember 1939 im kärntnerischen St. Margarethen als Sohn eines Bergbauern geboren. Als Dreijähriger musste er mit ansehen, wie sein Vater, ein Wehrmachtssoldat, von Partisanen erschossen wurde. Später heiratete seine Mutter den Sektionsleiter der steirischen KPÖ, in dessen Grazer Haus die Familie auch lebte.

Nach der Hauptschule plante Kresnik ein Malereistudium in Wien, musste aber auf Drängen der Mutter eine Lehre als Werkzeugschlosser absolvieren. Daneben arbeitete er an den Vereinigten Bühnen Graz als Statist, wo er auch eine Tanzausbildung absolvierte. Nach ersten Erfolgen in der steirischen Landeshauptstadt flüchtete der junge Tänzer 1960 aber vor dem Bundesheer-Einberufungsbefehl ins deutsche Bremen. 1962 ging er nach Köln und arbeitete dort als Solotänzer mit großen Choreografen wie George Balanchine, John Cranko und Maurice Bejart - eine prägende Zeit, wenn auch nicht unbedingt im Sinne einer Vorbildwirkung.

So ließ Kresnik das klassische Ballett alsbald hinter sich. 1967 erarbeitete er aus Gedichten von Gugginger Patienten sein erstes eigenes Stück „O sela pei“, 1968 thematisierte er in „Paradies?“ das Attentat auf den deutschen Studentenführer Rudi Dutschke, im selben Jahr wurde er von Kurt Hübner als Ballettdirektor an das Bremer Theater engagiert. Das am Bremer Tanztheater von ihm entwickelte Choreografische Theater versuchte, Sozialkritik in oft schockierende Bildersprache zu gießen.

„Das Theater ist meine Waffe“, erklärte Kresnik seinen künstlerischen Impuls einmal. Bis 1978 entstanden etwa die Ballette „Kriegsanleitung für Jedermann“, „Die Nibelungen“, „Jesus GmbH“ und in Wien, wo in den 1970er Jahren im Theater an der Wien regelmäßig Kresnik-Choreografien gezeigt wurden, „Masada“.

Zwischen 1979 und 1989 leitete Johann Kresnik dann das Tanztheater am Theater der Stadt Heidelberg. Hier und auch später nach seiner Rückkehr nach Bremen benutzte er immer wieder Biografien realer Figuren, um ihren Mythos zu demontieren. Dazu gehören zum Beispiel Arbeiten wie „Sylvia Plath“, „Pasolini“, „Ulrike Meinhof“, „Frida Kahlo“, „Nietzsche“ oder „Francis Bacon“. Daneben kreierte Kresnik „Macbeth“ zur Musik von Kurt Schwertsik und in der Ausstattung von Gottfried Helnwein und arbeitete auch verstärkt als Schauspielregisseur.

Von 1994 bis 2002 war Kresnik mit seinem Ensemble dann an der legendären Berliner Volksbühne engagiert. Hier kamen unter anderem „Rosa Luxemburg“, eine umstrittene Arbeit über Ernst Jünger und „Garten der Lüste“ heraus. 1999 brachte Kresnik Szenen aus Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der Menschheit“ in einem U-Boot-Bunker in Bremen zur Aufführung.

Aber auch in seiner alten Heimat war der Tanzberserker präsent. Ebenfalls 1999 versuchte er am Burgtheater mit „Wiener Blut“ eine Demontage von Österreich-Mythen. Wie häufig vorher und nachher - so etwa 2004 in Bremen, als er mit zehn nackten Frauen in einer Kirche „Die zehn Gebote“ aufführte - wurde Kresnik der Versuch, einen Skandal zu provozieren, vorgeworfen. 2003 inszenierte er Ibsens „Peer Gynt“ bei den Salzburger Festspielen und ließ dabei Red-Bull-Dosen auf die Bühne regnen.

„Ich betrachte mich als gescheitert, wenn sich niemand über mein Stück aufregen würde“, formulierte Kresnik 2009 gegenüber der APA sein Credo. Damals inszenierte er erstmals in seiner Heimatstadt Bleiburg das Stück „Auf uns kommt es an“ nach Texten von Jura Soyfer. Dort wurde 2011 auch das Choregraphische Zentrum nach dem berühmten Sohn der Stadt benannt und dient als Plattform für zeitgenössischen Tanz in Kärnten.

Kresniks künstlerische Arbeiten beschränkten sich dabei nicht auf den Tanz, sondern erstreckten sich auch ins Feld der bildenden Kunst. So zeigte er etwa 1999 in der Kärntner Landesgalerie eine aus zwölf Stationen bestehende Rauminstallation.

Und bei aller Provokation würdigte die Kunstwelt letztlich doch das lange Engagement des umtriebigen Tanzreformers. So erhielt Kresnik etwa 1990 den Theaterpreis Berlin und erst vor zwei Wochen das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien. „Er ist, was es heute allzu selten gibt: ein Künstler mit Wut im Bauch, ein Berserker mit Aggressionslust und blutendem Herzen zugleich“, hatte Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) Kresnik am 11. Juli nach der Eröffnung des ImPulsTanz-Festivals mit seinem „Macbeth“ auf der offenen Bühne des Volkstheater gewürdigt: „In unserer geordneten, leiser gewordenen, wohlerzogenen Zeit brüllt er an gegen das allgemeine Schweigen, mit Pathos und Trauer, Brutalität und Leidenschaft wütet er gegen Tabus, inhaltliche wie ästhetische.“




Kommentieren