Letztes Update am So, 28.07.2019 14:39

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Blomstedts philharmonisches Wort zum Sonntag



Das Monument des Verklingens zum Festspielbeginn: Herbert Blomstedt sprach am Sonntagvormittag im Großen Festspielhaus das philharmonische Wort zum Sonntag. Mit den Wienern modellierte er Gustav Mahlers 9. Symphonie mit sanfter Beharrlichkeit zum andächtigen Kommentar auf die Weltvergänglichkeit. Für den 92-jährigen Maestro, seit zwei Tagen Ehrenmitglied des Orchesters, gab es Standing Ovations.

Seit einigen Jahren arbeiten die Wiener Philharmoniker in Salzburg ihre eigene Rolle in der Musikgeschichte auf und spielen vornehmlich Stücke, die das Orchester selbst uraufgeführt hat. Mahlers Neunte, jenes Hohelied vom Ende, von dem zugleich die moderne Musik ihren Ausgang nimmt, zählt fraglos zum Bedeutendsten in der an Bedeutendem wahrlich nicht armen Liste.

Die Musikgeschichte hat freilich auch ihre mit Legenden gefüllten Leerstellen. Die autobiografische Deutung der 1912 posthum uraufgeführten Symphonie als Musikwerdung des eigenen nahenden Todes mag - passend zum heurigen Festspielthema - mythischen Charakter haben, ein machtvolles Instrument der Empathie ist sie allemal. Mahlers ebenso morbides wie visionär-versöhnliches Spätwerk zwischen „Abschied“ und dem überwältigend allmählichen Verstummen der Neunten ist in der Rezeption untrennbar verbunden mit dem Wissen um den qualvollen Tod seiner kleinen Tochter 1907 - auch das ist Mythenbildung, über die sich kulturelles Erbe nachhaltig emotional tradieren lässt.

Nicht zuletzt ist auch Herbert Blomstedt so etwas wie ein wandelndes, immer noch schöpferisches Stück Musikgeschichte. 15 Jahre nach der Uraufführung der Neunten geboren, kann dem schwedischen Dirigenten auch im stolzen Alter von 92 Jahren eine anderthalbstündige Mahler-Symphonie mit dem Gewicht eines philosophischen Lebenswerks kaum Ermüdungserscheinungen abgewinnen. Die Biografie im Programmheft liest sich als Charakterstudie des Dirigenten. Er sei immer jener Künstlertyp gewesen, „dessen fachliche Kompetenz wie natürliche Autorität allen äußerlichen Nachdruck überflüssig machten“, heißt es da.

Im Zuge der aktuellen Probephase wurde Blomstedt erst am Freitag die Ehrenmitgliedschaft der Philharmoniker verliehen. Mit der bejubelten Aufführung - morgen, Montag, Abend wird das Konzert noch einmal wiederholt - hat man diese Auszeichnung standesgemäß besiegelt.




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